(Deutsch) CFP_Sektionsantrag IVG-Kongress Palermo 26.7.-2.8.2020

Sektionsantrag IVG-Kongress Palermo 26.7.-2.8.2020

 

 

Der Taugenichts bei, vor und seit Eichendorff in Deutschland und anderswo

 

Eichendorffs Novelle von 1826 ist als Prätext bis heute aktiv (vgl. Lüthi). Doch auch vor den Romantikern und in vielen Sprachen und Literaturen gibt es Taugenichtse, Trickster (die freilich mit ihrem Zugang zu zwei Welten umgekehrt besonders viel taugen könnten), Aussenseiter, Parasiten. Die Sektion soll sowohl LiteraturwissenschaftlerInnen ansprechen, die im Bereich der älteren, mittleren oder neueren populären oder Hochliteratur arbeiten, wie auch SprachhistorikerInnen und -theoretikerInnen und auch zu kulturvergleichenden Ausgriffen über die deutsche Überlieferung hinaus animieren, etwa zu Reynaert de vos, den Picaros und Picaras, zu Nasreddin Hodscha/Giufà oder im Modernismus zu Proust, Joyce und G. Stein.

Der neue von Jörg Rogge herausgegebene Sammelband Recounting Deviance stellt die Frage nach einer Textsortenabhängigkeit der Aussagen über abweichendes, zu nichts taugendes Verhalten.
Es geht da etwa um Chroniken, Gerichtsakten und Reisebeschreibungen. Das Fehlen fiktionaler Literatur legt den Verdacht nahe, dass diese hier wie schon in der analytischen Sprachphilosophie als parasitärer Sprachgebrauch aus der Betrachtung ausgeschlossen wird, also selbst zum Taugenichts unter den Textsorten gemacht wird  (vgl. Serres und Felman), besonders in ihren karnevalesk-subversiven anti-hegemonialen Strömungen.

Das führt weiter zu Korrelationen zwischen ‘gender’ und ‘genre’. Dabei lässt sich z.B. unterscheiden zwischen der auktorialen Präferenz einer Geschlechtsgruppe für bestimmte Gattungen (z.B. die viel zitierte ‘Geburt’ weiblicher literarischer Autorschaft aus dem Privatbriefwechsel,  von der Gottschedin bis zur Droste) oder einer konjunkturell bedingten geschlechtlichen Übercodierung von Textsorten im ‘ideologisierten’ Interdiskurs (etwa die Rede von der ‘Männlichkeit’ der Tragödie), zuweilen gestützt durch positivistische Befunde (Mangel an Dramatikerinnen, den empirische Studien widerlegt haben).

Epistemologisch relevant wäre in diesem Zusammenhang, auf welchen theoretischen bzw. philosophischen Voraussetzungen die Gattungsbegriffe und Geschlechterkonzeptionen bei der Frage nach der geschlechtlichen Differenzqualität sozialen wie literarischen Parasitentums beruhen. Wie unterscheiden sich weibliche von männlichen ‘Taugenichtsen’, etwa im Fall der ‘Picaras’, der Memoiren von Transvestitinnen aus dem 17. u 18. Jh., etwa Mme. de la Guette oder Charlotte Charke, oder zur Eichendoffzeit der novatorischen, den Briefroman dekonstruierenden ‘Briefbücher’ Bettine von Arnims? In der europäischen Avantgarde und Gegenwartsliteratur zeigt sich eine solche Diversität von Grenzüberschreitungen (auf thematischer wie formaler Ebene), dass es schwerfällt, ‘Abweichungen’ überhaupt von ihrer ‘(Re-)Normalisierung zu trennen, ob es sich um das beliebte ‘Genre’ der Autofiktion (z.B. auch mit ‘Migrantenhintergrund’) oder die zynische Konfrontation mit der ‘Grimasse des Realen’ (Zizek) handelt, wie in Elfriede Jelineks Satirik oder Sibylle Bergs Pop-Grotesken. Doch dass die pluralisierten Taugenichtse von heute vielleicht an mehr als ‘zwei Welten’ teilhaben, enthebt sie nicht unbedingt der Binarismen wie Tauglichkeit und Untauglichkeit.

 

Alexander Schwarz (Université de Lausanne)

Annette Runte (Universität Siegen)

Françoise Rétif (Université de Rouen)