CfP Tagung “Syntaxwandel und -variation: Diskurstraditionen in germanischen und romanischen Sprachen”, Sorbonne Université & Uni Bonn (15.-17. Okt 26)

Das aus der Romanistik in Deutschland hervorgegangene Konzept der Diskurstraditionen (DT; vgl. z. B. Koch 1997; Kabatek 2011; Winter-Froemel 2020) knüpft an die von Coseriu (1974) formulierte Unterscheidung dreier Ebenen sprachlicher Analyse an: die universelle Ebene des Sprechens im Allgemeinen, die historische Ebene der Einzelsprachen und die individuelle Ebene konkreter Texte. Diskurstraditionen sind in diesem Rahmen als Teil der historischen Text- und Diskursproduktion zu begreifen. Die Begriffe Text und Diskurs werden im Folgenden im Sinne von Adam (1999: 39) verwendet: Der Diskurs wird als eine Einheit aus Text und Produktionsbedingungen definiert, womit DT über die textuelle Ebene hinausreichen. In Abgrenzung zur primären Historizität der Sprachsysteme – die sich auf deren diachronen Wandel als Ganzes bezieht – kann man von einer zweiten Historizität (vgl. Oesterreicher 2001) sprechen, die sich auf wiederkehrende diskursive Muster als Bestandteil des kulturellen und textuellen Gedächtnisses bezieht. Insofern ist der Begriff der DT in einen Variationsrahmen eingebettet (was an Coserius Konzept des Diasystems anschließt) und in eine theoretische Perspektive, die dem Sprachwandel eine zentrale Bedeutung beimisst. Ähnlich wie Coseriu die Sprache nicht als starres System, sondern als Systematisierungsprozess auffasst, können Diskursnormen bzw. -traditionen als vorläufig stabilisierte Diskursmuster verstanden werden. Somit erweisen sich DT als besonders fruchtbarer theoretischer Rahmen, um Syntaxvariation und -wandel zu untersuchen.

Die Identifikation und Untersuchung von DT beruht auf zwei zentralen Kriterien (vgl. Kabatek 2011; Loiseau 2013: 93): einerseits auf der epilinguistischen Relevanz – also darauf, was SprecherInnen als Teil einer Tradition wahrnehmen und auffassen – und andererseits auf dem Kriterium der Wiederholung, weil sich rekurrente Muster im kollektiven sprachlichen Gedächtnis stabilisieren und dadurch wiederum die Grundlage für textuelle und diskursive Erwartungen bilden. DT sind somit eng an Frequenzphänomene gekoppelt (vgl. Loiseau 2011: 100). Maingueneau (2002) entwickelt eine Textsortentypologie je nach dem Grad der textuellen Formelhaftigkeit: Er unterscheidet stark formelhafte Textsorten mit geringem Variationsspielraum, weniger formelhafte, durch bestimmte Skripte strukturierte und solche, die ein hohes Maß an Kreativität erfordern. So ließe sich untersuchen, inwieweit DT sich nach syntaktischer Formelhaftigkeit und Frequenzphänomenen typologisieren lassen. Allerdings darf man sich fragen, inwiefern bloße Häufigkeit und diskursive Relevanz gleichzusetzen sind.

Sind heute syntaktische Frequenzen für alle Sprachstufen mit dem Rückgriff auf annotierte Korpora vergleichsweise leicht zu erheben, so bereitet das Epilinguistische v. a. für die ältesten Sprachstufen mehr Aufwand. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwiefern syntaktische Muster als Träger diskursiver Identifizierbarkeit fungieren können, insbesondere im Vergleich mit der Lexik und mit phraseologischen Einheiten, deren traditionelle und kulturelle Verortung evident ist. Sonia Branca-Rosoff (1999) verweist in diesem Kontext auf die Instabilität der Beziehung zwischen sprachlichen Formen und sozial-institutionalisierten Gebrauchspraktiken. Eine historisch orientierte Konzeption, die Kategorien als vorläufig stabilisierte Einheiten versteht, erlaubt es, beobachtete Abweichungen und diskursive Verschiebungen besser einzuordnen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, syntaktische Regularitäten nicht als statische Merkmale, sondern als Teil dynamischer DT zu begreifen, deren Identifikation sowohl auf empirischen Frequenzdaten als auch auf theoretisch fundierten Rekonstruktionsstrategien beruht.

Die Beziehung zwischen Syntax und Diskurstraditionen lässt sich aus zwei Perspektiven betrachten: Einerseits kann eine spezifische syntaktische Struktur charakteristisch für eine bestimmte Diskurstradition sein (z. B. Passivformen in wissenschaftlichen Texten), andererseits kann eine etablierte Diskurstradition die Wahl, die Frequenz, den Wandel und die Variation einer syntaktischen Struktur maßgeblich beeinflussen und erklären (z. B. Infinitivsyntax von Kochrezepten). Die Verbindung zwischen Syntaxwandel und DT wurde bisher insbesondere für das Spanische untersucht. In diesem Rahmen wurde beobachtet, dass bestimmte morphosyntaktische Entwicklungen zunächst innerhalb spezifischer DT stattfinden – etwa die Anredeform vuestra merced (‚euer Gnaden‘) > usted (‚Sie‘) (vgl. Koch 2008: 58) – bevor sie sich auf alle Diskurstraditionen ausbreiten.

Ziel der Tagung ist es, Diskurstraditionen mit besonderem Fokus auf Syntaxwandel und -variation in germanischen und romanischen Sprachen – auch kontrastiv – näher zu erforschen. Wie von Koch (1993: 41) beobachtet, lassen sich in der Romania DT über verschiedene Sprachräume hinweg nachweisen. Es stellt sich die Frage, ob auch im Bereich der germanischen Sprachen ähnliche diskursive Muster existieren und wie solche DT syntaktische Veränderungen mit sich bringen können. (Kann die wiederholte Umsetzung einer bestimmten DT in mehreren Sprachsystemen syntaktische Interferenzphänomene begünstigen?) Dabei kommt dem Aspekt des Sprachkontakts eine zentrale Bedeutung zu – sei es im Rahmen historisch älterer Phasen intensiven Sprachkontakts oder im Kontext aktueller Mehrsprachigkeit in einer globalisierten Welt.

Im Rahmen der Tagung können die Themen der Vorträge synchron oder diachron eine bestimmte syntaktische Struktur im Hinblick auf das Traditionelle im entsprechenden Diskurs verfolgen. Auch syntaktische Fakten in neu entstehenden DT können mitberücksichtigt werden, wie die Konstruktion Ich, wenn … in Internet-Memes oder multimodalen Formaten wie Point of View (PoV). Ausgehend von einem bestimmten syntaktischen Untersuchungsobjekt (z. B. die Syntax der direkten Rede) kann dessen Entwicklung quantitativ und/oder qualitativ in verschiedenen DT derselben historischen Sprache verfolgt werden, oder auch in einer DT, die in verschiedenen historischen Sprachen zu beobachten ist.

Die folgenden Themenbereiche und Problemstellungen verstehen sich als Auswahl bzw. Anregungen:

  • Einfluss mündlicher und schriftlicher Diskurstraditionen auf syntaktische Variation bzw. Wandel
  • diachrone Studien zu spezifischen syntaktischen Phänomenen im Rahmen einer bestimmten DT
  • Rolle von Sprachkontakt und Translation bei der Übertragung von Diskursmustern und deren syntaktischen Implikationen
  • syntaktische Variation in Soziolekten
  • korpusbasierte Analysen syntaktischer Muster in unterschiedlichen DT
  • theoretische und methodische Ansätze zur Verbindung von Syntaxwandel/-variation und DT
  • vergleichende Studien zwischen germanischen und romanischen Sprachen und Diskursmustern
  • Rolle des syntaktischen Niveau bei der Definition, Identifizierung oder Rezeption einer DT durch Sprecher*innen/Schreiber*innen
  • DT, die syntaktische Innovationen befördern oder behindern
  • DT, die syntaktische Variation oder Innovation besonders gut zeigen
  • soziale, institutionelle oder mediale Kontexte, die das Auftreten neuer syntaktischer Muster innerhalb etablierter DT begünstigen

Veranstaltungsort: Sorbonne Université, Paris

Die Abstracts (max. 400 Wörter exklusive Beispiele und Literaturhinweise) sind bis zum 01.02.2026 an die VeranstalterInnen einzusenden :

Dominique.dias@sorbonne-universite.fr

Delphine.pasques@gmail.com

wichreif@uni-bonn.de

Auswahlbibliographie

Adam Jean-Michel (1999). Linguistique textuelle. Des genres de discours aux textes. Paris: Nathan.

Branca-Rosoff Sonia (1999). „Types, modes et genres : entre langue et discours“. Langage et société, 87, 5-24, http://www.cavi.univ-paris3.fr/ilpga/ED/dr/drsb/sb-pdf/intro-Branca-LS87.pdf.

Coseriu Eugenio (1974). Synchronie, Diachronie und Geschichte: das Problem des Sprachwandels. München: W. Fink.

Dias Dominique (2025).“Emerging digital discourse traditions: A contrastive analysis of the r/todayilearned subreddit and its German and French counterparts”. In: Fábián, Annamária, & Igor Trost. (ed). Impulses and Approaches to Computer-Mediated Communication. Proceedings of the 12th International Conference on Computer Mediated Communication and Social Media Corpora for the Humanities, 104-108. https://www.cmc2025.uni-bayreuth.de/pool/dokumente/CMC-2025-Proceedings-2.pdf

Eckkrammer Eva Martha (2011). „Diachrone Medienanalyse: Zur Analyse multimodaler Vertextungsstrategien in historischer Sicht“. In J. G. Schneider (ed.), Medientheorien und Multimodalität: Ein TV-Werbespot. Sieben methodische Beschreibungsansätze. Köln: Halem, 190‑215.

Eckkrammer Eva Martha (2009). „Aspectos e perspectivas da comparação interlingual e intermidiática de gêneros textuais“. In H. Wieser (ed.), Linguística textual: perspectivas alemã. Rio de Janeiro: Nova Fronteira, 289‑315.

Freywald Ulrike (2021). „„Mal kuemel vnd enis mit pfeffer…“ – Wie beginnt ein Rezept? Zur informationsstrukturellen Interaktion von Text- und Satzstruktur in (historischen) Kochrezepten“. In A.L. Daux-Combaudon & R. Schneider (eds), Textanfänge: Abgrenzungs- und Definitionsfragen am Beispiel verschiedener Textsorten. Berlin, Heidelberg, 13-40.

Kabatek Johannes (2015a). „Genre textuel et traditions discursives“. In C. Gérard & R. Missire (eds), Eugenio Coseriu aujourd’hui: linguistique et philosophie du langage. Limoges: Lambert-Lucas, 195-206.

Kabatek Johannes (2015b). „Wie kann man Diskurstraditionen kategorisieren?“. In A. Lopez Serena, A. Octavio de Toledo & E. Winter-Froemel (eds), Diskurstraditionelles und Einzelsprachliches im Sprachwandel / Tradicionalidad discursiva e idiomaticidad en los procesos de cambio lingüistico. Tübingen: Narr, 51-65.

Kabatek Johannes (2011). „Diskurstraditionen und Genres“. In S. Dessí Schmid, U. Detges, P. Gévaudan, W. Mihatsch & R. Waltereit (eds), Rahmen des Sprechens. Beiträge zu Valenztheorie, Varietätenlinguistik, Kreolistik, Kognitiver und Historischer Semantik. Peter Koch zum 60. Geburtstag. Tübingen: Narr, 89-100.

Kabatek Johannes (ed.) (2008). Sintaxis histórica del español y cambio lingüístico: nuevas perspectivas desde las tradiciones discursivas. Madrid: Iberoamericana.

Kabatek Johannes (2006). „Las tradiciones discursivas del español medieval: historia de textos e historia de la lengua“. Iberoromania 62: 28‑43.

Koch Peter (2015). „La structure générale du langage et le changement langagier“. In C. Gérard & R. Missire (eds), Eugenio Coseriu aujourd’hui: linguistique et philosophie du langage. Limoges: Lambert-Lucas, 95‑127.

Koch Peter (2008). „Tradiciones discursivas y cambio lingüistico: el ejemplo del tratamiento vuestra merced en espanol“. In J. Kabatek (ed.), Sintaxis histórica del español y cambio lingüístico: nuevas perspectivas desde las tradiciones discursivas. Madrid: Iberoamericana, 53-87.

Koch Peter (1997). „Diskurstraditionen: zu ihrem sprachtheoretischen Status und ihrer Dynamik“. In B. Frank, T. Haye & D. Tophinke (eds), Gattungen mittelalterlicher Schriftlichkeit. Tübingen: Günter Narr, 43‑79.

Müller-Lancé Johannes (2022). „Discourse Traditions, Multimodality and Media Studies“. In E. Winter-Froemel & A. S. Octavio de Toledo y Huerta (eds), Manual of Discourse Traditions in Romance. De Gruyter, 767-780.

Loiseau Sylvain, 2013. „La notion de tradition discursive : une perspective diachronique sur les genres textuels et sur les phénomènes de fréquence textuelle“. Pratiques. Linguistique, littérature, didactique, 91-104. https://journals.openedition.org/pratiques/3731.

Maingueneau Dominique (2002). „Analysis of an academic genre“. Discourse Studies, 4(3), 319-341. https://doi.org/10.1177/14614456020040030401

Oesterreicher Wulf (2008). „Dinámica de estructuras actanciales en los Siglos de Oro: el ejemplo del verbo encabalgar“. In J. Kabatek (ed.), Sintaxis histórica del español y cambio lingüístico: nuevas perspectivas desde las tradiciones discursivas. Madrid: Iberoamericana, 225-248.

Oesterreicher Wulf (2001). „Historizität – Sprachvariation, Sprachverschiedenheit, Sprachwandel“. In M. Haspelmath, E. König, W. Oesterreicher, W. Raible (eds), Language Typology and Language Universals/Sprachtypologie und sprachliche Universalien/La typologie des langues et les universaux linguistiques. An International Handbook/Ein internationales Handbuch/Manuel international, 2 Bde.. Berlin/New York: De Gruyter, 1554-1595.

Oesterreicher Wulf (1997). „Zur Fundierung von Diskurstraditionen“. In B. Frank, Th. Haye, D. Tophinke (eds), Gattungen mittelalterlicher Schriftlichkeit. Tübingen, G. Narr, 19-41

Wilhelm Raymund (2003). „Von der Geschichte der Sprachen zur Geschichte der Diskurstraditionen. Für eine linguistisch fundierte Kommunikationsgeschichte“. In H. Aschenberg & R. Wilhelm (eds), Romanische Sprachgeschichte und Diskurstraditionen. Tübingen: G. Narr, 221-236.

Wilhelm Raymund (2001). „Diskurstraditionen“. In Language Typology and Language Universals. An International Handbook, I. Berlin-New York: De Gruyter, 467-477.

Winter-Froemel Esme (2018). „Traditions discursives et variantes du jeu : la dynamique des blagues en comble dans les langues romanes“. In B. Full & M. Lecolle (eds), Jeux de mots et créativité: Langue(s), discours et littérature. De Gruyter, 189-226.

Winter-Froemel Esme (2020). „Traditions discursives“. In Publictionnaire. http://publictionnaire.huma-num.fr/notice/traditions-discursives/.

Winter-Froemel Esme, Octavio De Toledo y Huerta Álvaro S., Holtus Günter & Sánchez-Miret Fernando (eds) (2022). Manual of Discourse Traditions in Romance. De Gruyter.