Internationale Tagung an der Université Grenoble-Alpes, in Kooperation mit der Westsächsischen Hochschule Zwickau
Wandlungsprozesse in medialen Diskursen: kontrastive und interkulturelle Ansätze
Université Grenoble-Alpes 2.- 4. Juni 2021
Textsortenmerkmale und in der Folge das Wissen um bestimmte Charakteristika von Textsorten, das den RezipientInnen sowohl die Produktion als auch die Rezeption von Texten erleichtert, unterliegen dynamischen Wandlungsprozessen: Textsorten sind keine statischen Gebilde, sondern entwickeln sich nicht nur im diachronen Wandel, sondern ebenso in Abhängigkeit vom räumlichen Kontext. In unterschiedlichen Sprach- und Kulturräumen zeichnen sich Textsorten durch bestimmte Spezifika aus, die sich wiederum in der Textsortenrealisierung, d.h. auf der Ebene konkreter Einzeltexte manifestieren. Diese Sprach- und Kulturgeprägtheit von Textsorten betrifft auch und insbesondere mediale Diskurse bzw. Medientexte; trotz der Intensivierung von Austauschprozessen im Zeitalter der Digitalisierung und der Globalisierung kann man nicht von einer Nivellierung kulturspezifischer Besonderheiten der Texte sprechen. Um im interkulturellen Kontext eine adäquate, den Erwartungen der jeweiligen Zielgruppe entsprechenden Produktion und Rezeption medialer Diskurse sicherstellen zu können, müssen die sprach- und kulturraumbezogenen Charakteristika unbedingt berücksichtigt werden.
Im Rahmen von Forschungsarbeiten zu Textsorten wurden sowohl in Frankreich (Beacco 1991, Adam 1997, 1999, Ablali et al. 2015) als auch in Deutschland (Brinker 1988, Adamzik 1995, Gansel 2011) Analyseinstrumentarien entwickelt, wobei in beiden nationalen Wissenschaftstraditionen die Schwierigkeit herausgestellt wird, Textsorten eindeutig und trennscharf voneinander abzugrenzen. Das Ziel der geplanten Tagung besteht darin, bestehende theoretische und methodische Ansätze neu zu denken, um auf dieser Grundlage ein tragfähiges Analysemodell für die kontrastive Beschreibung medialer Diskurse zu entwickeln. Wenngleich die Kontrastierung insbesondere deutscher und französischer Forschungsansätze im Zentrum der Tagung steht, sind weitere methodische Perspektiven willkommen, die die Diskussion um die Definition von Textsorten sowie hinsichtlich von Wandlungsprozessen in medialen Diskursen bereichern.
Im Kontext des sich intensivierenden Digitalisierungsprozess werden Medientexte immer häufiger in virtueller Form verbreitet und rezipiert, was wiederum tiefgreifende Wandlungsprozesse sowohl auf der Textproduktions- als auch auf der Textrezeptionebene nach sich zieht. Die diametrale Opposition von medialer Schriftlichkeit und Mündlichkeit, aber darüber hinausgehend auch der eher graduell ausgeprägte Gegensatz von konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit (vgl. Koch et Oesterreicher 1985) sind relevante Konzepte bzw. Kriterien, die der Beschreibung neuer Genres im medialen Diskurs zugrunde gelegt werden können. Korpora von Texten, die dem Bereich der Social Media-Kommunikation zuzurechnen sind oder die auf die Kommunikation per Smartphone (vgl. die Studien von Dürscheid 2003, 2016) fokussiert sind, zeichnen sich, unabhängig von ihrer medial schriftlichen Realisierung, durch einen hohen Grad an Spontaneität aus, der wiederum Spuren auf der konzeptionellen Ebene der Texte hinterlässt.
Im Kontext der Digitalisierung und ihren Auswirkungen auf die Produktion und Rezeption von Medientexten ist die multimodale Gestaltung der Texte von besonderer Relevanz. Die Sinnkonstitution eines Textes kann nicht alleine auf den sprachlichen oder bildlichen Informationen beruhen (vgl. in diesem Zusammenhang die Illusion eines « discours logocentré » ; Paveau 2012)), sondern muss die Relation zwischen visuellen und verbalen Textelementen berücksichtigen. Diese können, abhängig von der konkreten Textsorte, auf sehr spezifische Art und Weise miteinander verknüpft sein und in unterschiedlichen Dominanzbeziehungen zueinander stehen. So ist in einigen medialen Textsorten der bildliche Teil unabdingbar für das Verständnis der sprachlich realisierten Informationen bzw. des Gesamttextes (für den Bereich der Werbekommunikation vgl. Rentel 2005). Trotz der hohen Relevanz dieser multimodalen Gestaltung medialer Diskurse liegen bislang nur wenige empirische Studien vor, die die Interaktion sprachlicher und bildlicher Elemente in das Zentrum der Analyse rücken (vgl. jedoch die Arbeit von Thurlow et al. 2020).
Digital realisierte mediale Diskurse sind weiterhin von einem vergleichsweise hohen Grad an Interaktion und damit einhergehend an Dialogizität geprägt, so dass die Rollen von TextproduzentInnen einerseits und TextrezipientInnen andererseits in dem Konzept des Produsers aufgehen. Mit diesem Kunstwort werden SprecherInnen bezeichnet, die gleichzeitig Inhalte sowohl generieren als auch rezipieren. Weitere Wandlungsprozesse in medialen Diskursen betreffen das Phänomen der Hybridisierung (Dias 2017), das zum Entstehen neuer, mehr oder weniger kurzlebiger medialer Textsorten beitragen kann.
Die Gesamtheit solcher Wandlungsprozesse macht die kulturspezifische Geprägtheit medialer Diskurse umso deutlicher, weshalb diese Charakteristika im Rahmen der Textsortenanalyse nicht vernachlässigt werden dürfen (Fix 2006). Im Rahmen der Tagung stehen kontrastiv angelegte, deutsch-französische Analysen im Zentrum, wobei der Vergleich mit weiteren Sprach- und Kulturräumen, auf dessen Basis neue Befunde im Kontext der interkulturellen Herausforderungen der Medienlinguistik erarbeitet werden können, ebenfalls willkommen ist (Gonnot et al. 2013). Gegenstand der Beiträge im Rahmen der Tagung sollen einerseits Beschreibungsinstrumentarien und theoretisch-methodische Ansätze sein, die der Analyse medialer Diskurse zugrunde gelegt werden können. Ein besonderer Stellenwert wird dabei dem Dialog der unterschiedlichen Disziplinen und sich daraus möglicherweise ergebenden Synergieeffekten zugewiesen. Von Relevanz sind weiterhin Disziplinen, die eng mit der Beschreibung medialer Diskurse in Verbindung stehen wie beispielsweise die kontrastive Diskursanalyse (Von Münchow 2014).
Mögliche Beiträge zur Tagung könnten sich auf die folgenden Aspekte beziehen, wobei die Liste nicht exhaustiv ist :
- die kontrastive Beschreibung der medialen Darstellung bzw. der kulturspezifischen Wahrnehmung bestimmter Ereignisse ;
- die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Entwicklung bzw. das Entstehen neuer Textsorten ;
- theoretische Beschreibungsinstrumentarien für die Analyse medialer Diskurse ;
- die Relation von Sprache und Bild in medialen Diskursen und die besonderen Herausforderung der multimodalen Gestaltung von Texten ;
- die kontrastive Beschreibung bestimmter medialer Phänomene wie Hate Speech, Political Correctness oder Greenwashing…
- die Herausforderungen einer kontrastiven Herangehensweise im Kontext der Beschreibung medialer Diskurse in Bezug auf den Fremdsprachenunterricht und die kulturelle Mediation ;
- die Frage nach den sozialen Akteuren und den sozio-ökonomischen Herausforderungen im Kontext des Aufkommens und der Entwicklung medialer Landschaften.
Die internationale und interdisziplinäre Tagung eröffnet den TeilnehmerInnen die Möglichkeit, bestehende Forschungsansätze und national bzw. kulturell geprägte Wissenschaftstraditionen im Bereich der Medienlinguistik miteinander in Bezug zu setzen. Das erklärte Ziel der Tagung besteht darin, einen Dialog zwischen den Disziplinen der Sprachwissenschaft, der Semiotik, der Informationswissenschaften, der Geschichtswissenschaft der Soziologie und den Bildungswissenschaften anzustoßen bzw. zu vertiefen.
Darüber hinaus soll die geplante Veranstaltung NachwuchsforscherInnen eine Plattform bieten, um eigene Forschungen oder Work in Progress vorzustellen und zu diskutieren und ihre internationale wissenschaftliche Vernetzung zu intensivieren. NachwuchwissenschaftlerInnen sind daher mit Nachdruck aufgefordert, abstracts für die Tagung einzureichen.
Objektsprachen : alle
Konferenzsprachen : Französisch, Deutsch, Englisch
Vortragsvorschläge (Titel, abstract im Umfang von maximal 500 Wörtern, Key Words sowie biblioraphische Angaben) sowie eine kurze Biobibliographie mit Angaben zur wissenschaftlichen Position, zur institutionellen Verankerung und einschlägigen Publikationen zum Thema sollen bis zum 15. September 2020 an Nadine Rentel (Nadine.Rentel@fh-zwickau.de) und an Dominique Dias (Dominique.Dias@univ-grenoble-alpes.fr) gesendet werden. Eine Rückmeldung bezüglich der Annahme der Vortragsvorschläge erfolgt bis zum 15. Oktober 2020.
Bibliographie
Ablali Driss, Bouhouhou Ayoub, Tebbaa Ouidad (eds.) (2015). Les genres textuels, une question d’interprétation ? Limoges : Lambert-Lucas.
Adam, Jean-Michel (1999). Linguistique textuelle : des genres de discours aux textes. Paris : Nathan-Université.
Adam, Jean-Michel (1997). « Genres, textes, discours : pour une reconception linguistique du concept de genre », Revue belge de philologie et d’histoire 75, p. 665‑681.
Adamzik, Kirsten (1995). Textsorten, Texttypologie: Eine kommentierte Bibliographie. Münster : Nodus.
Beacco, Jean-Claude (1991). « Types ou genres ? Catégorisation des textes et didactique de la compréhension et de la production écrites », Études de linguistique appliquée 83, p. 19‑28.
Brinker, Klaus (1988). Linguistische Textanalyse. Berlin : Erich Schmidt Verlag.
Dias, Dominique (2017). « Journalistische Rezensionen: Entstehung einer Textsorte durch Interferenzen? », in N. Colin, P. Farges & F. Taubert (eds.), Annäherung durch Konflikt: Mittler und Vermittlung. Heidelberg : Synchron Verlag.
Dürscheid, Christa (2016). « Neue Dialoge – alte Konzepte? Die schriftliche Kommunikation via Smartphone »; Zeitschrift für germanistische Linguistik, Nr. 44/3, p. 437‑468.
Dürscheid, Christa (2003). « Medienkommunikation im Kontinuum von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Theoretische und empirische Probleme », Zeitschrift für angewandte Linguistik, Nr. 38, p. 37–56.
Fix, Ulla (2006). « Was heißt Texte kulturell verstehen? Ein- und Zuordnungsprozesse beim Verstehen von Texten als kulturellen Entitäten », in H. Blühdorn, E. Breindl, U.‑H. Waßner (eds.), Text-Verstehen. Grammatik und darüber hinaus. Berlin, New York : De Gruyter, p. 254‑276.
Gansel, Christina (2011). Textsortenlinguistik. Stuttgart : UTB.
Gonnot, Anne-Catherine, Schwerter, Stephanie et Rentel, Nadine (eds.) (2013). Dialogues entre langues et cultures. Frankfurt-am-Main : Peter Lang.
Koch, Peter et Oesterreicher, Wulf (1985). « Sprache der Nähe – Sprache der Distanz. Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Spannungsfeld von Sprachtheorie und Sprachgeschichte », Romanistisches Jahrbuch 36/85, p. 15‑43.
Paveau, Marie‑Anne (2012). « Genre de discours et technologie discursive. Tweet, twittécriture et twittérature », [en ligne] disponible sur https://hal.archives-ouvertes.fr/hal-00824817.
Rentel, Nadine (2005). Bild und Sprache in der Werbung. Die formale und inhaltliche Konnexion von verbalem und visuellem Teiltext in der französischen Anzeigenwerbung der Gegenwart. Frankfurt/Main u. a.: Peter Lang.
Thurlow, Crispin, Dürscheid, Christa et Diémoz Federica (eds.) (2020). Visualizing digital discourse. Interactional, institutional and ideological perspectives. Berlin/Boston : De Gruyter.
Von Münchow, Patricia (2014). « L’analyse du discours contrastive : comparer des cultures discursives » in A. Grezka, M. Leclère et M. Temmar, Les Sciences du langage en Europe : tendances actuelles. Actes du colloque 2011 de l’ASL-Association des Sciences du Langage, Lambert-Lucas, p. 75‑92.