Internationale Tagung_Postmemoriale Erkundungen: Formen, Herausforderungen, Perspektiven_Amiens ONLINE 9. – 12. Juni 2021

INTERNATIONALES KOLLOQUIUM AMIENS, 9-12 juin 2021, ONLINE
Einschreibung: christine.meyer[at]u-picardie.fr

TAGUNGSKONZEPT
In der deutschsprachigen Literatur der letzten Jahrzehnte hat die Erinnerung an traumatische politische Ereignisse der jüngeren Geschichte neue Prominenz erlangt. Dabei lässt sich eine zunehmende Dezentrierung, Pluralisierung sowie auch Verschränkung der Perspektiven feststellen: In dem Maße, wie sich mit dem Verschwinden der Zeitzeugen die lebendige Erinnerung an die Vergangenheit verflüchtigt, ändern sich für die nachfolgenden Generationen nicht nur Zielsetzungen und Modalitäten einer sich immer schwieriger gestaltenden Spurensuche, sondern vergrößert sich auch – im Zuge der fortschreitenden Verflechtung der ethnischen und nationalen Kollektive – die Bandbreite der möglichen Sichtweisen auf eine von den Betroffenen nicht mehr selbst erlebte Geschichte, die dennoch als „erdrückende Erinnerung“ (Marianne Hirsch) fortlebt und rekonstruiert bzw. weitervermittelt werden will.
In einer Fülle neuerer Werke, die sich im Grenzbereich zwischen Dokument und Fiktion bewegen, kreisen die Erzählstrategien in einer Mischung aus (auto)biographischer Suche, archäologischer Ausgrabung und detektivischer Ermittlung um die bruchstückhafte Rekonstruktion leidvoller Erfahrungen früherer Generationen. Aus welcher Perspektive eine solche Suche auch immer unternommen wird und welche Formen sie im Einzelfall annehmen mag, stets geht es dabei zugleich um Individuelles und um Kollektives, um Einzelschicksale und um gesellschaftlich-politische Zusammenhänge. Und fast immer steht dabei das Erinnern selbst, bzw. das dialektische Verhältnis zwischen Erinnern und Vergessen, im Mittelpunkt.
Als Beispiele wären u.a. zu nennen: Ruth Klüger (Weiter leben, 1992), Monika Maron (Pawels Briefe. Eine Familiengeschichte, 1999), Robert Menasse (Die Vertreibung aus der Hölle, 2001), W. G. Sebald (Austerlitz, 2001), Vladimir Vertlib (Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur, 2001), Eva Menasse (Vienna, 2005), Doron Rabinovici (Andernorts, 2010), Maja Haderlap (Engel des Vergessens, 2011), Katja Petrowskaja (Vielleicht Esther, 2014), Ulrike Draesner (Sieben Sprünge vom Rand der Welt, 2014), Anne Weber (Ahnen, 2015), Natascha Wodin (Sie kam aus Mariupol, 2017), Ursula Krechel (Shanghai fern und von wo, 2008 ; Geisterbahn, 2018), Jenny Erpenbeck (Gehen, ging, gegangen, 2015), Christoph Hein (Trutz, 2017), Nora Krug (Heimat – Ein deutsches Familienalbum, 2018), Saša Stanišić (Herkunft, 2019).
Angesichts dieser Situation stellt sich die Frage, ob der von Marianne Hirsch Ende der 1990er Jahre geprägte Begriff der Postmemory – unter dem schon ursprünglich durchaus keineswegs nur das Erinnern der zweiten Generation jüdischer Überlebender an die Shoah gefasst werden sollte – sich mit Blick auf die Entwicklung im deutschsprachigen Kontext nicht auch auf weitere Konstellationen anwenden ließe. Zu denken wäre etwa an die Nachkommen anderer Gruppen von Opfern der NS-Gewaltherrschaft (Sinti und Roma, Zwangsarbeiter aus den besetzten Ostgebieten, Vertriebene, sexuell diskriminierte Minderheiten…), aber auch an Nachfahren von Überlebenden anderer Völkermorde (Armenier? Hereros und Namas?) oder sonstiger Formen von politischer Gewalt im Rahmen von Kriegen, Diktaturen, kolonialer Herrschaft und Vertreibungen.
Ferner ließe sich fragen, inwiefern eine Position der „Stellvertreter-Zeugenschaft“ („vicarious witnessing“), wie sie Froma Zeitlin bei den Kindern jüdischer Überlebende der Shoah feststellte, dabei nicht auch zunehmend von anderen Menschen bzw. Gruppen bezogen wird als solchen, die in direkter (biographischer) Linie von den Opfern jener Gewaltereignisse abstammen. Tatsächlich scheint sich das Interesse daran, die ‚Wunde offen zu halten’, in jüngster Zeit nicht nur verstärkt, sondern auch vielfach über die Grenzen der einzelnen ethnischen Gemeinschaften hinaus ausgebreitet zu haben.
All dies legt die Vermutung nahe, dass wir uns gegenwärtig, auch und gerade im deutschsprachigen Raum, in einem tiefgreifenden Wandel der nationalen Erinnerungslandschaften befinden. Dementsprechend steht die Forschung in den betroffenen Wissensfeldern vor der Herausforderung, nicht nur ihren hergebrachten „methodologischen Nationalismus“ (Ulrich Beck) zu überwinden, sondern auch ethnozentrische und partikularistische Sichtweisen hinter sich zu lassen und sich der Hypothese eines „multidirektionalen Erinnerns“ (Michael Rothberg) zu stellen. Kreisten die Untersuchungen zum Holocaust-Gedächtnis in der deutschen Literatur lange Zeit ausschließlich um die Gegenüberstellung Täter vs. Opfer und um die Frage der Schuld, so sind heute neue – insbesondere auch intersektionale – Ansätze vonnöten.
Unsere Tagung befasst sich primär mit deutschsprachigen Werken, jedoch erfordert die Herangehensweise eine Dezentrierung der Perspektive in mehrfacher Hinsicht. Erstens ist das Untersuchungsfeld aufgrund der Verknüpfung von Fiktion und Dokument nur im Zusammenspiel mehrerer geistes- und humanwissenschaftlicher Teildisziplinen wie Literaturwissenschaft, Geschichte, Sozialanthropologie, memory studies, Holocaust studies, postcolonial studies, gender studies u.a. angemessen zu erarbeiten. Zweitens legt es die transnationale Verflechtung der Postmerory-Narrative nahe, Anknüpfungspunkte sowohl intranational (zwischen verschiedenen BetroffenenGruppen) als auch grenzüberschreitend zu suchen (da es in den Werken zumeist um erratische, von Exil und Diaspora bestimmte Lebenswege geht). Nicht zuletzt sollten komparatistische Aspekte dabei zur Sprache kommen, lässt sich dieses Untersuchungsfeld doch nur im internationalen Vergleich völlig überblicken. Schließlich sind viele der besprochenen Werke nicht rein literarisch angelegt, sondern schließen hybride ästhetische Konzepte ein (Text-Bild-Kombinationen, graphic novel…), so dass auch intermediale Ansätze willkommen sind.

THEORETISCHER BEGRIFFSRAHMEN
Über das titelgebende, von Marianne Hirsch entwickelte Konzept der postmemory hinaus wird das untersuchte Phänomen konzeptionell an der Schnittstelle verschiedener methodischer Ansätze gefasst. Von besonderem Interesse könnten sich in diesem Zusammenhang zum Beispiel folgende Begriffe erweisen: „lieux de mémoire“ (Pierre Nora), „non-lieu“ (Marc Augé), „non-lieu de mémoire“ (Gérard Noiriel), „counter-history“ und „contremémoire“ (Michel Foucault), „third space“ (Homi Bhabba), „multidirectional memory“ (Michael Rothberg).

ARBEITSSCHWERPUNKTE
– In welchem Verhältnis stehen Ziele und Inhalte der postmemorialen Projekte zu den jeweils verwendeten ästhetischen Mitteln? Dabei besonders zu berücksichtigen sind u. a. die Motivkomplexe Rätsel und Ermittlung, Verschüttung und Ausgrabung, Spekulation und Mutmaßung, Überleben und Heimsuchung durch die Toten.
– Inwiefern kommt es in diesem Zusammenhang zu einer Neuverhandlung der Beziehung zwischen dem einzelnen, mit einem minoritären und traumatischen Erbe belasteten Individuum, und dem nationalen bzw. transnationalen Kollektiv?
– Welchen Beitrag leisten die deutschsprachigen Postmemory-Narrative zur Erneuerung des nationalen Erinnerungsdiskurses? Könnte der sich in diesen Werken abzeichnende Wandel des kollektiven Gedächtnisses, ausgelöst durch die Pluralisierung der Erinnerung an Shoah und NS-Zeit, zu einer Änderung des Blicks auf andere ‚Katastrophen’ der Geschichte wie den Kolonialimus und die ersten Völkermorde des 20. Jahrhunderts beitragen? Und könnte diese Akzentverschiebung etwa auch die traumatischen Erfahrungen der seither aus anderen Teilen der Welt in den deutschsprachigen Raum Geflüchteten (von den boat people aus Vietnam bis hin zu den syrischen Flüchtlingen der letzten Jahre) in ein neues Licht rücken?
– Deutet die Pluralisierung der postmemorialen Konzepte auf eine Aufspliterrung der Erinnerung hin – oder eher auf die Entstehung einer neuen, transnationalen und transkulturellen Form von Gemeinschaft?

Eine Publikation der Ergebnisse ist geplant.
Tagungssprachen: Deutsch und Französisch.
Beitragsvorschläge (max. 1 Seite mit Kurzbiographie) werden bis zum 1. September 2019 erbeten.

Organisation:
Dr. Christine Meyer (Université de Picardie Jules Verne, Amiens): meyer.chris@free.fr
Anna Gvelesiani: a.gvelesiani@uni-bonn.de

Wissenschaftlicher Beirat:
Prof. Dr. Bernard Banoun (Sorbonne Université, Paris)
Prof. Dr. Dirk Weissmann (Université Toulouse Jean-Jaurès)
Prof. Dr. Doerte Bischoff (Universität Hamburg, Walter A. Berendsohn Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur)

Tagungsprogramm_19.04.2021

CfP_Postmemoriale Erkundungen