Nachruf für Gilbert Krebs (1932-2021)
Am 4. Dezember 2021 verlor die französische Germanistik eine ihrer herausragenden Persönlichkeiten, die über mehrere Jahrzehnte das Fach organisatorisch und wissenschaftlich prägte, nicht zuletzt als Mitbegründer der AGES (Association des Germanistes de l’Enseignement Supérieur) im Jahre 1967. Hinzu kam u.a. sein Engagement für die Université de Paris III (1986-1994 Vizepräsident) und sein Institut, dem er von 1980 bis 1988 vorstand, in verschiedenen administrativen Funktionen diente, nicht zuletzt auch als Direktor des Centre de recherche EA 182 „Sociétés et cultures des pays de langue allemande aux XIXe et XXe siècles“.
Gilbert Krebs wurde am 8. April 1932 in Sarreinsming (Moselle) geboren und gehörte damit zu einem Kreis von französischen Nachkriegsgermanisten, die im Zweiten Weltkrieg die neuerliche Annexion ihrer Heimat durch die deutschen Besatzer erfahren hatten. Der siebenjährige Gilbert und sein 21 Monate alter Bruder Roland hatten Lothringen jedoch schon am 1. September 1939 verlassen und fanden sich einige Tage später im Rahmen des Exode in der Charente wieder, wo sie bis zum Waffenstillstand im Juni 1940 blieben, um dann in ihr Heimatdorf zurückzukehren. Diese unerfreulichen Erfahrungen in so jungen Jahren schreckten ihn aber nicht ab, nach dem Abitur 1950 in Sarreguemines das Studium der deutschen Sprache und Kultur in Nancy aufzunehmen (1950-54), wo Robert Minder und Pierre Grappin zu seinen Lehrern zählten. Sein großes Interesse für den östlichen Nachbarn war schon durch den Premier prix d’allemand au Concours Général des Lycées et Collèges de France zum Ausdruck gekommen (1949), aber auch durch das bestandene CAPES im Jahre 1954. Zwischen 1954 und 1957 bekleidete er Lehrerstellen in Lille, Bruay-en-Artois und Rouen. Nach der erfolgreichen Agrégation 1957 (6. Platz) wurde er Professeur agrégé am Lycée Corneille de Rouen. Seine Lehrerkarriere wurde durch einen dreijährigen Wehrdienst in der Luftwaffe unterbrochen, bevor er 1960/61 am Lycée Turgot in Paris unterrichtete.
Mit seiner Stelle als Assistant an der Universität Strasbourg begann seine Hochschulkarriere (1961-1964). Nachdem er 1964/65 Maître-Assistant à l’Université de Strasbourg geworden war, bekleidete er gleichen Posten an der Sorbonne zwischen 1965 und 1969, wo er enger Mitarbeiter von Pierre Bertaux wurde. Ab 1968/69 gehörte der zur ersten Generation des neugegründeten Institut d’Allemand d’Asnières (Université Sorbonne Nouvelle-Paris 3), das als Folge der Aufspaltung der altehrwürdigen Sorbonne entstanden und damit auch ein Kind von „Mai 68“ war. In „Asnières“ wurde er Stellvertreter von Bertaux und in den Folgejahren Chargé d’enseignement (1970-1979), Directeur des Etudes (1970-1980) und Professor (1980-2001). Dieses neue Institut spiegelte die Konkurrenz zwischen den littéraires und den civilisationnistes innerhalb der französischen Germanistik, die der Institutsgründer Pierre Bertaux auf den regelmäßig wiederholten Satz brachte: „Wenn wir von Schiller sprechen, dann meinen wir Karl und nicht Friedrich“. Für die heutige Generation der Germanisten sei erwähnt, dass Karl Schiller (SPD) von 1966 bis 1972 Wirtschaftsminister der Bundesrepublik Deutschland war.
Diese landeskundliche Ausrichtung von Asnières untermauerte bereits 1971 eine erste Publikation, die einen bibliographischen und praktischen Einblick in die „Civilisation allemande“ bieten sollte und gemeinsam von Gilbert Krebs, Hans Manfred Bock, Jean-François Tournadre und Bernd Witte herausgegeben wurde. Drei Jahre später erschien wieder bei Armand Colin eine Text- und Dokumentensammlung zur Bundesrepublik Deutschland unter der Federführung von Gilbert Krebs. Dem immer starken französischen Interesse an der DDR kam Krebs mit der Übersetzung „La République démocratique allemande“ nach (Armand Colin, 1975), welche die beiden westdeutschen Politologen Kurt Sontheimer und Wilhelm Bleek 1972 erstmal herausgebracht hatten (Die DDR, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft). Die Wahl dieses Buches war in der damaligen Zeit auch eine Antwort auf Vertreter innerhalb der französischen Deutschlandforschung (Gilbert Badia, Georges Castellan u.a.), die in der DDR stets das „bessere Deutschland“ sahen.
Das stete Interesse an den verschiedenen Facetten der deutschen Geschichte spiegelte auch eine Tradition, die Gilbert Krebs mit immer wieder anderen Kollegen in den 1980er Jahren begründete. Nicht nur für die Pariser Studenten organisierte er Tagungen zu den zentral festgelegten wechselnden Themen der französischen Lehrerausbildung im Rahmen der Agrégation und des CAPES. Zu diesen Kolloquien lud er stets auch die bekanntesten deutschen Historiker und Politologen ein, was die Kooperation zwischen der civilisation allemande in Frankreich und der deutschen Zeitgeschichte kontinuierlich vertiefte. Dass die Sammelbände dieser Tagungen schnell publiziert wurden, mit der nicht wegzudenkenden Unterstützung durch seine Assistentin Michèle Leprettre, half den Studenten bei der Vorbereitung ihrer Examina, erlaubte aber auch einem breiteren Publikum, sich mit der aktuellen Forschung zu den deutschsprachigen Ländern im 19. und 20. Jahrhundert vertraut zu machen. Der letzte Band in dieser Reihe unter der Ägide von Gilbert Krebs (und Gérard Schneilin) erschien 1998 und thematisierte „Exil et résistance au national-socialisme, 1933-1945“, was jahrelang ein umstrittenes Thema in der französischen Öffentlichkeit war, stellte sie doch lange die Existenz eines deutschen Widerstandes überhaupt in Frage. Da sich diese Publikationen vor allem an zukünftige Multiplikatoren wandten, muss ihr Einfluss auf das Deutschlandbild der Franzosen hoch eingeschätzt werden.
Parallel zu diesen Publikationen umtrieb ihn weiterhin der Aktionsradius der französischen Germanistik, was zum einen in seiner Mitarbeit in der AGES (Generalsekretär 1967-70; Vizepräsident 1982-85; Präsident 1991-94) zum Ausdruck kam, zum anderen aber auch in der Festschrift für seinen Kollegen Joseph Rovan „Sept décennies de relations franco-allemandes, 1918-1988“ (1989), im Sammelband „Le territoire du germaniste“ (1998) und in der Edition der Briefe von Pierre Bertaux „Un normalien à Berlin: lettres franco-allemandes, 1927-1933 (mit Hans Manfred Bock und Hansgerd Schulte, 2001). Über 40 Bände erschienen in den PIA (Publications de Institut d’allemand d’Asnières) unter seiner Direktion, die heute innerhalb der Presses Sorbonne Nouvelle als eigene Reihe weiter existieren. Zu ihnen gehört auch „La RDA et l’Occident (1949-1990)“, den der Autor dieser Zeilen noch als DAAD-Lektor im Jahre 2000 als seinen ersten Sammelband veröffentlichen konnte. Den Weg von der Tagung zur Publikation verfolgte Gilbert Krebs stets mit wachem Interesse und ermutigenden Hinweisen, die Ausdruck für das Vertrauen waren, das er „jungen Forschern“ entgegenbrachte.
Dass er zum seinem Lieblingsthema, der Geschichte der Jugend in Deutschland und Frankreich, auch nach seiner Emeritierung noch nicht sein letztes Wort gesagt hatte, dokumentierte einerseits der Band „Les jeunes dans les relations transnationales: l’Office franco-allemand pour la jeunesse 1963-2008“ (mit Hans Manfred Bock, Corine Defrance und Ulrich Pfeil, 2008), anderseits aber vor allem seine letzte große wissenschaftliche Studie aus dem Jahre 2015, die als sein Lebenswerk verstanden werden kann. Nachdem seine (unveröffentlichte) Habilitation aus dem Jahre 1979 – unter der Leitung von Claude David – bereits den Titel « Jeunesse et société en Allemagne au début du XXe siècle. Naissance et développement de la Jugendbewegung avant 1914 » getragen hatte, beleuchtete er in Les avatars du juvénilisme allemand, 1896-1945 (2015) die Entwicklung der bürgerlichen deutschen Jugendbewegung vom späten Kaiserreich bis ins „Dritte Reich“. Es handelt sich bei dieser Studie um keine Organisationsgeschichte, sondern um einen Blick auf ein komplexes soziales Milieu, das sich durch unterschiedliche ideologische Strömungen und konfessionelle Orientierungen auszeichnete. Zwischen den zeitlichen Begrenzungen verfolgen wir die Geschichte einer Jugend, die in der Wilhelminischen Zeit nach größerer Autonomie strebte und ihre eigenen gesellschaftlichen Werte verwirklichen wollte, die sich aber nach 1933 schnell der nationalsozialistischen Gleichschaltung unterwarf. Gilbert Krebs gelang mit seinem Buch eine beeindruckende Synthese, die nicht nur dem französischen Leser eine Bewegung nahebringt, die nach gesellschaftlichen Freiräumen suchte (Wandervogel bis 1914), sich in der frühen Weimarer Republik in fruchtlosen Debatten und Kontroversen zwischen revolutionären und konservativen Kräften verzettelte (Freideutsche Jugend bis 1923), sich in der stabilen Phase der ersten deutschen Republik elitär gab und dem Wiederaufstieg des Vaterlandes verschrieb, was sie in die Nähe der „Konservativen Revolution“ führte (Bündische Jugend). Schon vor 1933 beteiligte sie sich an Diskussionen um eine neue deutsche Volksgemeinschaft und trug damit eine Mitschuld am Aufstieg des Nationalsozialismus. Im „Dritten Reich“ mussten viele Mitglieder der Jugendbewegung erleben, wie sie von der Hitlerjugend marginalisiert wurden, die die deutsche Jugend auf einen neuen Krieg vorbereitete. Mit diesem gelehrten Werk legte Gilbert Krebs einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis der deutschen Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor, das seinen steten Willen zu Nuancierung und zum Detail spiegelt. Er stellte sein Werk bei seinem letzten öffentlichen Vortrag am 5. Dezember 2016 im Maison Heinrich Heine vor.
Dass Gilbert Krebs genauso wie sein Kollege und Freund Hansgerd Schulte 1932-2019) ein Kulturmittler war, der immer wieder neue Brücken zwischen Deutschland und Frankreich baute, kam in der gemeinsamen Festschrift „Passerelles et passeurs: hommages à Gilbert Krebs et Hansgerd Schulte“ (2002) zum Ausdruck, aber auch in seinem Engagement für den DAAD und seine Mitgliedschaft im Verwaltungsrat der Maison Heinrich Heine in der Cité universitaire (1990-2012). Für seine vielfältigen Tatigkeiten wurde er u.a. 1987 zum Commandeur dans l’Ordre des Palmes Académiques ernannt, erhielt 1990 das Bundesverdienstkreuz und 1995 das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse.
Ulrich Pfeil (Université de Lorraine, CEGIL-Metz)