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Internationale Tagung “Topografien des Asyls. Räumliche Dimensionen (trans)nationaler Asylpraktiken in der deutschen, französischen und spanischen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts”

Topografien des Asyls

Internationale Tagung / Colloque international / Coloquio internacional

Programm

Donnerstag, 25. Juni 2025
Zentralbibliothek der Universität Passau, Library Lounge, Innstraße 29

18:00–19:00 Lesung und Gespräch mit Doan Bui
In Kooperation mit dem deutsch-französischen Institut Erlangen
(Moderation: Theresa Wagner)

Freitag, 26. Juni 2025
Universität Passau, IT-Zentrum (017), Innstraße 43

9:00–9:15 Empfang der Teilnehmenden und Begrüßungsworte

9:15–10:15 Keynote Till Breyer (Universität zu Köln): Exilliteratur und das Erbe des Asylrechts

10:15–10:45 Kaffeepause

Panel 1: Asyl und Grenzräume
(Moderation: Theresa Wagner)

10:45–11:15 Magdalena Silvia Mancas (Universität Passau): Topographies de l’asile dans la BD francophone

11:15–11:45 Emmanuelle Séjourné (Université de Tours): Draußen vor Europas Tür: Reportagen über Asylsuchende an Europas Grenzen („Das Leben, als was es ist“, „La grieta“, „À qui profite l’exil?“)

11:45–12:00 Paneldiskussion mit Emmanuelle Séjourné

12:30–14:30 Gemeinsames Mittagessen

Panel 2: Intermediale und intersektionale Asyltopografien
(Moderation: Theresa Wagner)

14:30–15:00 Anne Peiter (Université de la Réunion/Université de Poitiers): Genozid, Asyl und genozidäre Vernichtungsphantasien. Kritische Anmerkungen zu den Fotos von Flüchtlingslagern in Sebastião Salgados Foto-Band „Exodus“

15:00-15:30 Florian Lützelberger (Otto-Friedrich-Universität Bamberg) La jungle de Calais: Intimität, Entfremdung, konträre Räume und Identitäten in Alejandro Simón Partals La parcela (2021)

15:30–15:45 Paneldiskussion mit Linda Maeding

15:45–16:15 Kaffeepause

Panel 3: Räume der Solidarität
(Moderation: Emmanuelle Séjourné)

16:15–16:45 Nicole Fischer (Université Jean Monnet Saint-Étienne): Nous sommes tous.tes réfugié.es – La ‚crise des réfugiés’ et les stratégies littéraires de solidarité d’Allemagne

16:45–17:15 Theresa Wagner (Universität Passau): Mise en récit de gestes solidaires dans des camps d’internement français: la littérature de l’exil républicain espagnol

17:15–17:30 Paneldiskussion mit Emmanuelle Séjourné

17:30–18:00 Abschlussdiskussion

19:00 Gemeinsames Abendessen

Samstag, 27. Juni 2026
Universität Passau, IT-Zentrum (017), Innstraße 43

Panel 4: Nicht-Orte und Zwischenräume der Zuflucht
(Moderation: Theresa Wagner)

8:30–09:00 Antonia Kampe (University of Arizona): Zwischen Flucht und Ankommen: Zur Gestaltung des Raums dazwischen in Julya Rabinowichs Romanen

09:00–09:30 Verena Richter (Universität Graz): ‚Esta casa, que no es mi casa, es mía también’: Topografien des Asyls und des Exils während des Postfranquismo bei Clara Obligado

09:30–10:00 Marina Ortrud Hertrampf (Universität Passau): Lieux d’asile: odyssées labyrinthiques entre l’Afrique et la France

10:00–10:15 Paneldiskussion mit Marina Ortrud Hertrampf

10:15–10:45 Kaffeepause

Panel 5: Symbolische und utopische Orte des Asyls
(Moderation: Marina Ortrud Hertrampf)

10:45–11:15 Alice Lacoue-Labarthe (Université Grenoble Alpes): Digitale Resonanzräume des Exils in Senthuran Varatharajahs Vor der Zunahme der Zeichen

11:15–11:45 Khadija Benthami (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt): Temple cartographié: paradoxes de l’asile dans l’Inde francophone dans Carnet secret de Lakshmi d’Ari Gautier

11:45–12:15 Linda Maeding (Universidad Complutense de Madrid): Utopische Kartographien des spanischen und deutschen Exils in Lateinamerika

12:15–12:30 Paneldiskussion mit Linda Maeding

12:30–13:00 Abschlussdiskussion

Gefördert durch die Deutsch-Französische Hochschule

Organisation: Prof. Dr. Marina Ortrud Hertrampf (Universität Passau), Prof. Dr. Emmanuelle Séjourné (Université de Tours), Dr. Theresa Wagner (Universität Passau)

CfP: Topografien des Asyls. Räumliche Dimensionen (trans)nationaler Asylpraktiken in der deutschen, französischen und spanischen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts

Internationale Tagung / Colloque international / Coloquio internacional 

26.–27. Juni 2026

Universität Passau

Das Asyl – verstanden als Zufluchtsort und als Geste der Aufnahme für Verfolgte und Schutzsuchende – stellt eine menschheitsgeschichtliche Konstante dar, die sich in unterschiedlichen rechtlichen, religiösen und räumlichen Kontexten manifestiert hat. Vor diesem historischen Hintergrund nimmt die Tagung in den Blick, wie literarische Texte aus Deutschland, Frankreich und Spanien des 20. und 21. Jahrhunderts Praktiken des Asyls und ihre räumlichen Dimensionen verhandeln und reflektieren.

In der Antike lässt sich erstmals eine archaische Form des Asylrechts nachweisen, die in sakralen Räumen wie Tempeln, Altären oder Mausoleen praktiziert wurde. Schutzsuchende stellten sich damit in die Obhut der Götter. Das Christentum übernahm diesen religiösen Charakter des Asyls und institutionalisierte ihn im Kirchenasyl, ohne jedoch auf seinen heidnischen Ursprung zu verweisen.[1] Im Gegensatz zum modernen Asylrecht, das sich erst im Zuge der europäischen Nationalstaatenbildung etabliert hat, handelte es sich in der antiken Rechtspraxis in erster Linie um ein sogenanntes „Verbrecherasyl“. Es war eng mit dem Prinzip der Blutrache verknüpft und diente als temporärer Schutzraum für Personen, die das Gesetz bewusst oder unbewusst gebrochen hatten – nicht jedoch primär für politisch Verfolgte.[2]

Ein roter Faden zieht sich jedoch von der Antike bis in das heutige, völkerrechtlich verankerte Asylrecht: Schutzsuchende wurden und werden nie bedingungslos aufgenommen. Zu jeder Zeit existierten klare Definitionen, wer Anspruch auf Schutz hatte und wer nicht. So ist auch das heutige europäische Asylrecht, das auf der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 basiert, eher als staatliche Duldung zu verstehen[3] – und nicht, wie Artikel 14 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte suggeriert, als individuelles Recht, das einer geflüchteten Person zustehen würde. Die Genfer Flüchtlingskonvention definiert zwar den völkerrechtlichen Flüchtlingsstatus und legt Schutzstandards für Geflüchtete fest, doch ein einklagbares Recht auf Asyl wird darin nicht verankert. Stattdessen beschränkt sich die Konvention im Wesentlichen auf einen Mindestschutz in Form des sogenannten non-refoulement-Prinzips nach Artikel 33, das die Abschiebung in Staaten verbietet, in denen Verfolgung droht.[4]

Diese Abwesenheit des Rechtlichen im Asylrecht zeigt sich heute in einer doppelten Raumdimension: einerseits im exekutiven Entscheidungsraum, andererseits in den polizeilichen und sicherheitstechnischen Kontrollräumen.[5] Schon in der Vergangenheit war der Asylbegriff intrinsisch mit räumlichen Dimensionen verknüpft. Stets stellte sich nämlich die Frage, an welchem Ort oder innerhalb welchen Territoriums sich die Beziehung zwischen den Ankommenden und den Aufnehmenden konkretisieren konnte.[6]

Die Tagung widmet sich dieser Verflechtung von Asyl und Raum aus kulturtheoretischer und literaturwissenschaftlicher Perspektive. Ausgehend vom Spatial Turn und von den Ansätzen der Critical Geography, der Feminist Geography und der Postcolonial Spatial Theory wird Raum als dynamische, sozial konstruierte Praxis verstanden. Vor diesem Hintergrund fragt die Tagung, wie literarische Texte aus Deutschland, Frankreich und Spanien des 20. und 21. Jahrhunderts Asylpraktiken räumlich verorten, institutionell materialisieren und ästhetisch reflektieren. Unter dem Konzept der ‚Topografien des Asyls‘ werden dabei Behördenräume, Lager, Grenz- und Transitorte ebenso in den Blick genommen wie private Zufluchtsräume. Die Untersuchung schließt insbesondere auch feministische und intersektionale Perspektiven ein, etwa im Hinblick auf geschlechtsspezifische Erfahrungen von Schutzsuchenden oder die (Nicht‑)Segregation in Asylunterkünften. Analysiert werden die ästhetischen Strategien, mit denen diese Räume literarisch dargestellt, symbolisch aufgeladen und kritisch hinterfragt werden.

Während Deutschland und Spanien im 20. Jahrhundert selbst zu Schauplätzen politischer Verfolgung und Vertreibung wurden, boten beide Länder im 21. Jahrhundert politisch Verfolgten Zuflucht. Frankreich hingegen gilt traditionell als Gastland und hat sich sowohl im 20. als auch im 21. Jahrhundert der Aufnahme politischer Flüchtlinge verpflichtet. Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der literarischen Auseinandersetzung mit Asylpraktiken sichtbar zu machen und zugleich transnationale und transhistorische Muster und Überlagerungen aufzuzeigen. Dabei soll explizit der Asylbegriff in den Blick genommen werden, da in aktuellen Begriffsdebatten der Literaturforschung häufig der Exilbegriff privilegiert wird. Die Tagung möchte somit eine differenzierte Auseinandersetzung mit Asyl als eigenständigem analytischen Konzept fördern und seine räumlich-literarische Dimension stärker berücksichtigen.

Mögliche Fragestellungen für Beiträge:

  1. Rechtliche und institutionelle Dimensionen:
  • Welche Rechtsfiguren zirkulieren innerhalb der dargestellten Räume?
  • Wie spiegeln die literarischen Räume das Verständnis von Recht und Asyl wider?
  • Welche nationalen Besonderheiten zeigen sich in den literarischen Darstellungen von Asylpraktiken?
  1. Räumliche Konfigurationen des Asyls:
  • Wie werden Behördenräume, Lager, Grenzorte oder private Zufluchtsräume literarisch verortet und institutionell materialisiert?
  • Welche Rolle spielt die räumliche Strukturierung für die Darstellung von Macht, Kontrolle und Schutz?
  • Inwiefern beeinflussen Geschlecht, Herkunft, Alter oder andere soziale Differenzkategorien die räumliche Organisation von Asylunterkünften oder die Erfahrung von Zuflucht?
  1. Literaturästhetische und erzähltechnische Perspektiven:
  • Mit welchen literaturästhetischen und erzähltechnischen Mitteln werden Asylverfahren und ihre räumliche Verortung in Texten dargestellt?
  • Wie werden symbolische Bedeutungen der Räume literarisch aufgeladen und kritisch reflektiert?
  • Wie werden intersektionale Erfahrungen von Schutzsuchenden narrativ gestaltet?
  1. Vergleichende Ansätze:
  • Wie lassen sich nationale Asylpraktiken literarisch vergleichen und im transnationalen sowie transhistorischen Kontext analysieren?
  • Inwiefern überlagern sich spezifische nationale Muster mit transnationalen Topografien und Erzählstrategien?

Beiträge können theoretische, literaturanalytische und vergleichende Perspektiven einnehmen. Die Tagung richtet sich insbesondere an Nachwuchswissenschaftler:innen in der Endphase der Promotion oder in der Postdoc-Phase, die sich mit den Schnittstellen von Literatur, Raum und Asylpraxis beschäftigen.

Organisation: Prof. Dr. Marina Ortrud Hertrampf (Universität Passau), Prof. Dr. Emmanuelle Terrones (Université de Tours) und Dr. Theresa Wagner (Universität Passau)

Bitte senden Sie Ihre Beitragsvorschläge (ca. 400 Wörter) sowie eine Biobibliografie bis zum 10. Oktober 2025 an Marina Ortrud Hertrampf (marina.hertrampf@uni-passau.de), Emmanuelle Terrones (emmanuelle.terrones@univ-tours.fr) und Theresa Wagner (wagne328@ads.uni-passau.de).

Die Publikation der Tagungsakten ist geplant.

Vortragssprachen sind Deutsch, Französisch und Spanisch. Deren zumindest passive Beherrschung wird vorausgesetzt.

 

Bibliografie

Augé, Marc: Non-lieux. Introduction à une anthropologie de la surmodernité, Paris, Seuil 1992.

Bannasch, Bettina/Doerte Bischoff/Burcu Dogramaci (Hrsg.): Exil, Flucht, Migration. Konfligierende Begriffe, vernetzte Diskurse?, Berlin/Boston, De Gruyter 2022.

Bartels, Inken/Isabella Löhr/Christiane Reinecke/Philipp Schäfer/Laura Stielike (Hrsg.): Umkämpfte Begriffe der Migration. Ein Inventar, Bielefeld, transcript 2023.

Bischoff, Doerte/Susanne Komfort-Hein (Hrsg.): Literatur und Exil. Neue Perspektiven, Berlin/Boston, De Gruyter 2013.

Bischoff, Doerte: „Flucht und Exil in der Gegenwartsliteratur: Begriffsverhandlungen, vernetzte Geschichten, globale Perspektiven“, in: Gegenwartsliteratur. Ein germanistisches Jahrbuch, 20 (2021), 29–54.

Breyer, Till: „Asyl als Schwelle. Historische Skizze zu einem politischen Begriff“, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 01 (2023), 5–16.

Calabrese, Laura/Marie Veniard (Hrsg.): Penser les mots, dire la migration, Louvain-la-Neuve, Academia-L’Harmattan 2018.

Foucault, Michel: Le corps utopique ; suivi de Les hétérotopies, Paris, Éditions Lignes 2009.

Horn, Eva: „Der Flüchtling“, in: Dies./Stefan Kaufmann/Ulrich Bröckling (Hrsg.), Grenzverletzter. Von Schmugglern, Spionen und anderen subversiven Gestalten, Berlin, Kadmos 2002, 23–40.

Larraz, Fernando: „El lugar de la narrativa del exilio en la literatura española“, in: Iberoamericana, 06 (2014), 101–113.

Mountz, Alison: „Where asylum-seekers wait: feminist counter-topographies of sites between states“, in: Gender, Place and Culture, 18 (2011), 381–399.

Noiriel, Gérard: La tyrannie du national. Le droit d’asile en Europe 1793-1993, Paris, Calmann-Lévy 1991.

Nouss, Alexis: La condition de l’exilé. Penser les migrations contemporaines, Paris, Éditions de la Maison des sciences de l’homme 2015.

———: Droit d’exil. Pour une politisation de la question migratoire, Paris, Éditions Mix 2020.

Price, Matthew E.: Rethinking Asylum. History, Purpose, and Limits, Cambridge, Cambridge University Press 2010.

Uerpmann-Wittzack, Robert: „Territoriales Asyl, Non-Refoulement und das souveräne Recht zur Grenzkontrolle“, in: Raphaela Etzold/Martin Löhnig/Thomas Schlemmer (Hrsg.), Migration und Integration in Deutschland nach 1945, Berlin/Boston, De Gruyter 2019, 99–112.

[1] Vgl. Price: Rethinking Asylum, 26 ff.

[2] Vgl. Horn: „Der Flüchtling“, 34.

[3] Vgl. ebd., 35.

[4] Vgl. Uerpmann-Wittzack: „Territoriales Asyl, Non-Refoulement und das souveräne Recht zur Grenzkontrolle“, 103.

[5] Vgl. Breyer: „Asyl als Schwelle“, 6.

[6] Ebd.

CfP_Tagung_ Topografien des Asyls_deutsch

CfP_Colloque_Topographies de l’asile_français

CfP_Coloquio_ Topografías del asilo_español