Call for Papers – Deadline: 20. September 2027
Ré Soupault: Eine Frau im Zentrum der Avantgarden
Internationale interdisziplinäre Tagung — Straßburg, 17.–18. Juni 2027
Diese interdisziplinäre und internationale Tagung – die erste wissenschaftliche Veranstaltung, die Ré Soupault (1901–1996) gewidmet ist –, findet im Rahmen der Ausstellung statt, die der deutsch-französischen Künstlerin am Musée d’Art Moderne et Contemporain de Strasbourg vom 21. Mai bis 28. November 2027 gewidmet ist. Die Ausstellung wird mit dem Label „Bicentenaire de la photographie“ ausgezeichnet.
Im Jahr 2019 lenkte das hundertjährige Bauhaus-Jubiläum die Aufmerksamkeit verstärkt auf die Frauen der berühmten Weimarer Schule für Architektur und angewandte Kunst und knüpfte somit an eine Reihe von Publikationen und Veranstaltungen an, die ihnen bereits seit den 2000er Jahren gewidmet worden waren. Ulrike Müllers Werk Bauhaus-Frauen: Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design, das 2009 zwanzig Künstlerinnen vorstellte, wurde daraufhin in einer aktualisierten und erweiterten Fassung neu aufgelegt, die im Kapitel „Meisterinnen der Fotografie und der Tagebuchnotiz” um eine neue Künstlerin ergänzt wurde: Ré Soupault. Dennoch bleibt ihr vielgestaltiges und umfangreiches Werk bis heute weitgehend unbekannt, insbesondere im französischsprachigen Raum.
Am Bauhaus, wo sie noch als (Meta) Erna Niemeyer bekannt war, studierte die 1901 in Bublitz/Bobolice in Pommern geborene Künstlerin bei Johannes Itten, Wassily Kandinsky und Paul Klee. Kurz darauf assistierte sie in Berlin Viking Eggeling bei einem der ersten abstrakten Filme und heiratete anschließend den Dadaisten Hans Richter. Als Modejournalistin (Scherl-Verlag, Berlin) lernte sie Paul Poiret kennen und wurde im Paris der 1930er Jahre Modeschöpferin. Sie trug zur Popularisierung des Hosenrocks bei und erfand das „Transformationskleid”, verkaufte in ihrem Atelier „Ré Sport” den Schmuck von Elsa Triolet, und ihre Kollektionen wurden von Man Ray fotografiert. Nach ihrer Begegnung mit dem Surrealisten Philippe Soupault im Jahr 1933 wurde sie Fotografin und begleitete ihn bei seinen Reportagen durch Europa sowie später im Maghreb. Sie war die erste Fotografin, der es gestattet wurde, eines der „Quartiers réservés“ von Tunis zu betreten und die dort lebenden Frauen zu fotografieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte sie getrennt von Philippe Soupault und arbeitete als Übersetzerin. Sie übertrug sowohl Romain Rolland als auch Lautréamont und die Surrealisten ins Deutsche, übersetzte aber auch Karl Jaspers, dessen Philosophie-Vorlesungen sie an der Universität Basel besuchte, ins Französische. Bis Ende der 1980er Jahre verfasste sie zahlreiche Radioessays zu unterschiedlichsten Themen und sammelte und übersetzte gemeinsam mit Philippe Soupault Volksmärchen aus der ganzen Welt, die auch noch heute ihr Publikum finden.
Über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg entstand somit ein vielschichtiges Werk, das verschiedenste künstlerische Formen umfasste und dabei über den rein künstlerischen Bereich hinausging. Insbesondere ihr essayistisches Schaffen – entstanden für den schweizerischen und deutschen Rundfunk, aber auch für Kunstzeitschriften wie XXe siècle – dokumentiert die Avantgarden der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, deren Zeugin und Denkerin sie war. Mittlerin zwischen deutscher und französischer Kultur seit den 1930er Jahren, war sie nach 1944 auch in New Yorker Künstler- und Intellektuellenkreise eingebunden.
Die Vielfalt ihres Schaffens, ihre Tätigkeit in Bereichen, die als nachgeordnet galten, sowie ihr transnationaler Lebensweg erklären zum Teil, warum sie 25 Jahre nach ihrem Tod weitgehend unbekannt bleibt, trotz einiger Einzel- und Gruppenausstellungen, die ihr gewidmet waren. Zwar werden Künstlerinnen insbesondere aus den Avantgardebewegungen seit zwei Jahrzehnten im akademischen und institutionellen Feld wiederentdeckt, doch Historiographinnen der Avantgarde wie Ré Soupault bleiben weiterhin randständige Figuren, da sich die Gender-Perspektive in der Avantgarde-Forschung noch nicht ausreichend durchgesetzt hat (Suleiman 1990, Jones 2004).
Die Tagung « Ré Soupault: Eine Frau im Zentrum der Avantgarden » – die erste, die ausschließlich ihr gewidmet ist – hat das Ziel, sämtliche Facetten des Werks von Ré Soupault / Ré Richter / Renate Green / Erna Niemeyer zu untersuchen und ihren Platz in der europäischen Kunst-, Literatur- und Kulturgeschichte sowie in der Geschichtsschreibung der Avantgarden zu etablieren. Dabei soll zum einen analysiert werden, aus welchen Gründen sie in Vergessenheit geraten ist, zum anderen soll ihr künstlerischer und intellektueller Beitrag zur Geschichte der Bewegungen, denen sie nahestand, gewürdigt werden. Die Originalität und Vielfalt ihrer Tätigkeiten innerhalb der Avantgarden ermöglicht eine kritische Neulektüre dieser Bewegungen, insbesondere im Lichte neuer theoretischer Ansätze zu angewandter Kunst und Material Studies, aber auch der Cultural Studies, der Gender and Women’s Studies, sowie der Transcultural und Postcolonial Studies (im Falle ihrer 1939 in einem der Quartiers réservés von Tunis entstandenen Fotografien).
Beiträge aus der Kunstgeschichte (Mode, Fotografie, Film), den Literaturwissenschaften (Germanistik, Romanistik, Übersetzungswissenschaft), der Ideengeschichte sowie aus interdisziplinären Feldern (Avantgardeforschung, Gender Studies, Postcolonial and Transcultural Studies) könnten sich mit folgenden Bereichen befassen:
- dem filmischen Werk (1923–1925) im Zusammenhang mit Viking Eggeling sowie mit Hans Richter und Walter Ruttmann, und eingebettet in die breitere Wiederentdeckung weiblicher Beiträge zu diesem Bereich (Lore Leudesdorff u.a.);
- dem journalistischen Wirken (1926–1934) im Bereich der Mode, als Autorin und Zeichnerin für bedeutende deutsche Zeitschriften (Sport im Bild, Für die Frau, Die Form), neben anderen Frauen wie Helen Hessel oder Claire Goll;
- dem Wirken in der Mode durch ihr Atelier Ré Sport (1931–1934), mit dem sie versuchte, Bauhaus-Prinzipien in die Pariser Mode einzuführen;
- dem fotografischen Werk (1934–1951), das sich sowohl dem Neuen Sehen als auch einer humanistischen Fotografie zuordnen lässt, mit einer bedeutenden Anzahl von Porträts;
- der Übersetzertätigkeit, aus dem Französischen ins Deutsche (Romain Rolland, Lautréamont, Philippe Soupault) sowie aus dem Deutschen ins Französische (Karl Jaspers);
- den Schriften für den Rundfunk, die sehr unterschiedliche Themen der Kunst- und Literaturgeschichte sowie allgemeiner der Kulturgeschichte behandelten (Rabindranath Tagore, Annette Kolb, René Schickele, keltische Kultur, Hexen, die Stelle der Frau in europäischen und außereuropäischen Kulturen, Aubusson-Wandteppiche u. a.);
- dem Schreiben, Herausgeben und Übersetzen von Volksmärchen, insbesondere in Zusammenarbeit mit Philippe Soupault.
Bestimmte Aspekte könnten Gegenstand vertiefter Einzelstudien sein:
- Ré Soupaults Ausbildung an der Weimarer Bauhaus-Schule (1921–1925) bei Itten, Klee, Kandinsky, Muche, Schlemmer und Gropius;
- ihre Einbindung nach dem Zweiten Weltkrieg in verschiedene künstlerische Netzwerke, etwa mit den Bauhaus-Frauen (Lore Leudesdorff, Tut Schlemmer, Gertrud Arndt, Lucia Moholy, Anneliese Itten, Nina Kandinsky), mit weiteren Freunden jener Zeit (Umbo, Werner Graeff) oder mit Fotografinnen (Florence Henri, Gisèle Freund);
- die Art und Weise, wie sie in ihren Essays für Rundfunk und Zeitschriften (zum Bauhaus, zu Dada, zum Surrealismus) eine eigenständige Geschichte der Avantgarden schrieb, die sich von der sich zur gleichen Zeit (1960er–1970er Jahre) herausbildenden Avantgardetheorie abhob;
- ihre Fotoreportage über die Flüchtlingslager im Deutschland der Jahre 1950–1951 sowie das Tagebuch ihrer Reise mit dem Velosolex durch das zerstörte Deutschland;
- die einzige zu ihren Lebzeiten organisierte Fotoausstellung, 1994 im Goethe-Institut Paris im Rahmen des „Mois de la Photo“;
- ihre postum 2018 in Deutschland (2026 in Frankreich) erschienene Autobiographie;
- ihre 1990 veröffentlichte deutsche Übersetzung der Champs Magnétiques von André Breton und Philippe Soupault, eines 1919 in Paris erschienenen Werks, das als Höhepunkt von Dada oder als erstes surrealistisches Werk gilt, verbunden mit der Frage, wie sich automatisches Schreiben übersetzen lässt;
- ihre besondere Beziehung zu bestimmten Künstlern (Viking Eggeling, Kurt Schwitters, der ihr den Künstlernamen Ré gab, Walter Mehring, Man Ray, Florence Henri, Lisa Tetzner, Kurt Kläber/Kurt Held u. a.) sowie selbstverständlich ihre gemeinsamen Arbeiten mit Philippe Soupault.
Der in Heidelberg aufbewahrte Nachlass bietet weitere Forschungsmöglichkeiten (Korrespondenz, Tagebücher, unveröffentlichte Manuskripte, Übersetzungsentwürfe, Bibliothek, fotografischer Bestand). Die Tagung richtet sich ausdrücklich an Nachwuchswissenschaftler*innen, die sich für eine singuläre Gestalt interessieren, deren Leben das gesamte 20. Jahrhundert durchzog, zumal die Forschungsperspektiven, die sich durch ihr reichhaltiges Schaffen und ihre Einbindung in vielfältige Netzwerke eröffnen, besonders zahlreich sind. Im Anschluss an die Tagung ist eine Online-Publikation vorgesehen.
Vorschläge im Umfang von 250–300 Wörtern, in französischer, englischer oder deutscher Sprache, mit Titel und kurzer bio-bibliographischer Notiz, sind bis zum 20. September 2026 an folgende drei Adressen zu senden:
agathe.mareuge@sorbonne-universite.fr ; isabelle.ewig@sorbonne-universite.fr ;
Benachrichtigung über die Annahme der Vorschläge: 30. Oktober 2026
Wissenschaftlicher Beirat und Organisation:
Agathe Mareuge (UR REIGENN und Centre André-Chastel, Sorbonne Université)
Isabelle Ewig (Centre André-Chastel, Sorbonne Université)
Julie Ramos (UMR Arche, Université de Strasbourg)
Ausgewählte Bibliographie
Ausstellungskataloge
Mois de la Photo à Paris, Allg. Katalog, Paris, Paris Audiovisuel, 1994
Christian Bouqueret (Hg.), Les femmes photographes de la Nouvelle Vision en France 1920-1940, Ausst.-Kat., Paris, Marval, 1998
Manfred Metzner (Hg.), Ré Soupault, Die Fotografin der magischen Stunde, Ausst.-Kat. (Martin-Gropius-Bau, Berlin), Verlag Das Wunderhorn, 2007
Inge Herold, Ulrike Lorenz, Manfred Metzner (Hg.), Ré Soupault, Künstlerin im Zentrum der Avantgarde, Ausst.-Kat. (Kunsthalle Mannheim), Verlag Das Wunderhorn, 2011
Claudia Emmert, Manfred Metzner, Frank-Thorsten Moll (Hg.), Ré Soupault, Das Auge der Avantgarde, Ausst.-Kat. (Zeppelin Museum, Friedrichshafen), Heidelberg, Verlag Das Wunderhorn, 2015
Thomas Galifot, Marie Robert, Ulrich Pohlmann (Hg.), Qui a peur des femmes photographes, Ausst.-Kat., Paris, Musée d’Orsay / Hazan, 2015
Damarice Amao, Florian Ebner, Christian Joschke (Hg.), La photographie arme de classe. Photographie sociale et documentaire en France, 1928-1936, Ausst.-Kat., Paris, Centre Pompidou / Textuel, 2018
Clara Bouveresse (Hg.), Femmes photographes, 3 Bände, Bd. 2: L’envers de l’objectif, Actes Sud, Photo poche Nr. 10, 2020
Andrea Nelson (Hg.), The New Woman behind the Camera, cat. exp., Washington, National Gallery of Art, 2020
Martina Kuoni, Manfred Metzner (Hg.), Ré Soupault – ‘Es war höchste Zeit…’. Eine Avantgardekünstlerin in Basel 1948 bis 1958, Heidelberg, Das Wunderhorn, 2021
Weitere Quellen
Philippe Soupault, Vingt mille et un jours, Gespräche mit Serge Fauchereau, Paris, Belfond, 1980, Kapitel „Peinture II” (Gespräch mit Ré Soupault), S. 155–166
Philippe und Ré Soupault, Kandinsky et la découverte de l’art abstrait, 16-mm-Film, 55 Min., Regie: Roger Kahane, 1968, Texte: Gedichte von Kandinsky, gesprochen von Jean Négroni und Michel Bouquet. Mit der Mitwirkung von Bernard Dorival, Joan Miró, Aimé Maeght und Nina Kandinsky.
Frédéric Mitterrand, Philippe Soupault à Tunis, Dokumentarfilm, 26 Min., Regie: Frédéric Mitterrand, 1996, mit der Mitwirkung von Ré Soupault.
Pascal Auger, À travers la diagonale. L’histoire mouvementée de la Symphonie diagonale, Film, 86 Min., Regie: Pascal Auger, 2022, mit der Mitwirkung von Ré Soupault (Archivmaterial), Patrick de Haas und Markus Heltschl.
Ulrike Ottinger, Paris Calligrammes, Film, 129 Min. und 90 Min., Regie: Ulrike Ottinger, 2019