Alle Beiträge von Laurent Dedryvere

Call for Papers: “Das westdeutsche Kino der langen 1950er Jahre (1950- 1963) jenseits von Mythen, Vorurteilen und Topoi”. Internationale Tagung, 5.-6. Dezember 2024, Université catholique de l’Ouest (Angers, Frankreich)

Call for papers (Pdf)

Das westdeutsche Kino der langen 1950er Jahre wurde vor allem nach 1968 immer wieder in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft stark kritisiert. Oftmals galt es in vielen Facetten als „Reinwaschung“ der Deutschen von der nationalsozialistischen Vergangenheit oder gar als Fortführung der Ideologie einer Volksgemeinschaft. Dies gilt auch für das österreichische Kino, das besonders für den westdeutschen Markt bestimmt war. Der Erfolg vieler Filme wird gerne als Beleg angeführt, dass noch lange in der Nachkriegszeit prüde Moralvorstellungen und autokratische Denkweisen vorhanden waren. Die angebliche Mediokrität des Kinos verhindert(e) meist eine tiefgreifende Analyse und für die zahlreichen Kritiker blieb klar: in Form und Inhalt sowieso schlecht („eine krasse Niveaulosigkeit“ so Kaschuba 1989), bestenfalls „eskapistisch“, im schlimmsten Fall ein Erbe der NS-Filme. Schon 1961 hatte die „zornige Bilanz“ (Bliersbach 1985) des Filmkritikers Joe Hembus als performative Aussage den westdeutschen Film zu einem völligen Misserfolg erklärt: „Er ist schlecht. Es geht ihm schlecht. Er macht uns schlecht. Er wird schlecht behandelt.“ (Hembus 1961).

Obwohl über 1200 Filme jeglichen Genres in diesem Zeitraum gedreht wurden, wird beispielsweise von Bernard Eisenschitz (2008) behauptet: « Dans l’état d’amnésie qui suit – et pour longtemps – il n’y a plus de cinéma, mais des films, isolés. […] Le cinéma allemand n’est plus le fait d’Allemands, n’est plus en Allemagne. » (In der darauffolgenden Amnesie gab es – und für lange Zeit – kein Kino mehr, nur vereinzelte Filme. [..] Das deutsche Kino wird nicht mehr von Deutschen gemacht, ist nicht mehr in Deutschland). Auch Stephan Martens (2006) äuβert sich ähnlich: « Le cinéma allemand, inexistant jusqu’aux années 1960, se limite à des films de distraction, totalement désengagés, dont le but est de faire oublier les difficultés présentes.» (Das deutsche Kino, das bis 1960 nicht existierte, beschränkt sich auf völlig unpolitische Unterhaltungsfilme, deren Ziel es ist, die gegenwärtigen Schwierigkeiten vergessen zu lassen).

Darüber hinaus wird besonders auf die sogenannten „Heimatfilme“ fokussiert, als Belege für das scheinbar mangelhafte Niveau. Die klischeehafte Definition von Jürgen Heizmann (2016) wird noch von den meisten Kritikern geteilt: „[D]ie deutschen und die österreichischen Schnulzen aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, jene[r] Kitsch in Agfacolor, der zeitlose ländliche Idyllen präsentierte, mit Traumpaaren wie Rudolf Prack und Sonja Ziemann und dem Sound kerniger Blasmusik.“

Diese Bilanzen beruhen stark „auf der zeitgenössischen linken Filmpublizistik“ (Schilling 2023), die sich gegen das sogenannte „Adenauerkino“ (Ellenbruch 2016) und letztendlich die von der CDU geführte Regierung richtete. Es gab jedoch auch andere Stimmen: Schon 1985 war der Psychologe Gerhard Bliersbach zu ganz anderen Schlussfolgerungen – auch als Kino-Fan und Zeitzeuge – in seinem Buch So grün war die Heide… Die gar nicht so heile Welt im Nachkriegsfilm gekommen. Er befasste sich u.a. mit Klassikern wie Sissi und Grün ist die Heide.

In seiner „Psycho-Geschichte des deutschen Nachkriegsfilms, die zugleich eine Geschichte der jungen Bundesrepublik ist“, erforscht er „die unbewussten Wünsche und Ängste der Menschen in der Adenauerzeit“. Auch Johannes von Moltke (2005) warf einen ganz anderen Blick auf die Filme der 1950er Jahre, besonders auf die Heimatfilme. In seiner grundlegend erneuernden Analyse betrachtet er sie als „nationale Allegorie. […]. [Alle] sind durch eine wiederholte Betonung von Fragen des Raums und des Ortes geprägt“. (as a national allegory. […] [they] are all marked by a recurrent emphasis on questions of space and place.). 2016 bot das Sammelwerk von Claudia Dillmann und Olaf Möller Geliebt und verdrängt: Das Kino der jungen Bundesrepublik Deutschland 1949-1963 weitere Perspektiven. Anhand mehrerer Analysen widerlegen sie viele Klischees und Topoi: Das durchaus vielseitige westdeutsche Kino war nicht nur provinziell, viele Filme konnten erfolgreich exportiert werden, der Begriff ‚Heimat‘ war nicht so starr wie behauptet. Zusammenfassend werden die Filme der 1950er Jahre und frühen 1960er als „[ü]berraschend unverschämt, erotisch, frech, frivol, vulgär, bizarr“ bewertet, „[a]nders als ihr Ruf.“ (Knepperges 2016).

Unsere Tagung soll an diese (Neu)bewertungen anknüpfen und sich mit den folgenden Themen befassen (weitere können natürlich vorgeschlagen werden):

  • Nationale Stereotypen
  • Frauen- und Männerbilder
  • Zweiter Weltkrieg (Widerstand/Kollektive (Un)Schuld, Kino als Erbe/Nachfolger desNS-Kinos?…)
  • Zeitgenössische gesellschaftliche Rolle der Filme
  • Geschichtsbilder im Nachkriegsfilm/Historisierende Interpretation
  • Wirtschaftswunder
  • Große Persönlichkeiten in der Filmbranche
  • Rezeption der Filme (in Deutschland und außerhalb)
  • Bezug auf Frankreich/auf deutsch-französische Problematik/ThematikUnsere hybride Tagung versteht sich interdisziplinär und umfasst u.a. die Bereiche Literatur, Philologie, Geschichte, Landeskunde, Politik und Psychologie.

    Die Beiträge können auf Deutsch oder Französisch erfolgen. Eine zweisprachige Publikation ist vorgesehen.

    Vorschläge (maximal 3000 Zeichen) sollten bis zum 14. August 2024 mit einer kurzen wissenschaftlichen Biografie an beide folgende Adressen geschickt werden: brigitte.pirastru@uco.fr und andrea.micke-serin@uco.fr

    Eine Antwort erfolgt Mitte September.

    Organisationsausschuss:

    Tobias HIRSCHMÜLLER (Universität Trier)

    Dr. Andrea MICKE-SERIN (Université catholique de l’Ouest, Angers)

    Dr. Sophie PARÉ (Université catholique de l’Ouest, Angers)

  • Dr. Brigitte RIGAUX-PIRASTRU (Université catholique de l’Ouest, Angers)

Wissenschaftlicher Beirat:

apl. Prof. Dr. Mechthild GILZMER (Universität des Saarlandes, Saarbrücken)

Tobias HIRSCHMÜLLER (Universität Trier)

Dr. Andrea MICKE-SERIN (Université catholique de l’Ouest, Angers)

Dr. Sophie PARÉ (Université catholique de l’Ouest, Angers)

Dr. Brigitte RIGAUX-PIRASTRU (Université catholique de l’Ouest, Angers)

Prof. Dr. Gwénola SEBAUX (Université catholique de l’Ouest, Angers)

Bibliographie:

AZZOPARDI Michel, Vingt ans dans un tunnel. Le cinéma ouest allemand de 1946 à 1966, Nouvelles Editions Debresse : Paris, 1987

BERGER Stefan, ERIKSONAS Linas, MYCOCK Andrew (Ed.), Narrating the Nation: Representations in History, Media and the Arts, New-York, Oxford: Berghahn Books, 2008

BLIERSBACH Gerhard, So grün war die Heide… Die gar nicht so heile Welt im Nachkriegsfilm (1985), Weinheim und Basel: Beltz, 1989

DILLMANN Claudia, MÖLLER Olaf (Hrsg.), Geliebt und verdrängt: Das Kino der jungen Bundesrepublik Deutschland 1949-1963, Frankfurt am Main: Deutsches Filminstitut, 2016

EISENSCHITZ Bernard, Le Cinéma allemand, 2e édition (1999), Editions Armand Colin, 2008

ELLENBRUCH Peter, „Von wegen „Adenauerkino“. Anmerkungen zur Filmgeschichte der jungen Bundesrepublik“ in literaturkritik.de, 21.11.2016, https://literaturkritik.de/von-wegen-adenauerkino-anmerkungen-zur-filmgeschichte-der-jungen-bundesrepublik,22651.html
(27. Juni 2018)

FERRO Marc, Cinéma et histoire (1977), Paris : Gallimard Folio Histoire, 1993

HEIZMANN Jürgen (Hrsg.), Heimatfilm international, Reclam Filmgenres, 2016

HEMBUS Joe, Der deutsche Film kann gar nicht besser sein, Bremen: Schünemann Verlag, 1961

HIRSCHMÜLLER Tobias, „Frauen und Widerstand in westdeutschen Kriegsfilmen der Nachkriegszeit“ in: Hannig Alma, Hirschmüller Tobias (Hrsg.): Heimlich, laut und leise. Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Bonn [in Bearbeitung]

HIRSCHMÜLLER Tobias, „Friedrich der Große als nationalsozialistische Heldenfigur“ in: Höhne Steffen, Siary Gérard, Wellnitz Philippe (Hrsg.): Helden und Heldenmythen als soziale und kulturelle Konstruktion / Héros et mythes héroïques. Une construction sociale et culturelle. Deutschland, Frankreich und Japan / Allemagne, France, Japon, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag (Weimarer Studien zu Kulturpolitik und Kulturökonomie 11), 2016, S. 163– 184

HIRSCHMÜLLER Tobias, „Horn, Camilla, Schauspielerin“, in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), 28.06.2023, https://frankfurter-personenlexikon.de/node/3574

HIRSCHMÜLLER Tobias, „Wegbereiter und Mahner zur Einheit Deutschlands“? Der „Eiserne Kanzler“ und die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik“ in: Raasch Markus u.a. (Hrsg.): Die Deutsche Gesellschaft und der konservative Heroe. Der Bismarckmythos im Wandel der Zeit, Aachen: Shaker Verlag (Berichte aus der Geschichtswissenschaft), 2010, S. 221–257

HÖFIG Willi, Der deutsche Heimatfilm 1947-1960, Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag, 1973

KAES Anton, Deutschlandbilder, Die Wiederkehr der Geschichte als Film, München: edition text + kritik, 1987

KASCHUBA Wolfgang (Hrsg.), Der deutsche Heimatfilm, Bildwelten und Weltbilder, Tübingen: Tübinger Vereinigung für Volkskunde e.V., 1989

LUDEWIG Alexandra, Screening Nostalgia. 100 Years of German Heimat Film, Bielefeld: transcript Verlag, 2011

MAASE Kaspar, Grenzenloses Vergnügen: Der Aufstieg der Massenkultur 1850-1970, Frankfurt- am-Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 2007

MARTENS Stephan, « L’occidentalisation de l’Allemagne » in DEMESMAY Claire, STARK Hans (Ed.), Qui sont les Allemands ?, Villeneuve d’Ascq : Presses Universitaires du Septentrion, 2006

MOLTKE, Johannes von, No Place Like Home. Locations of Heimat in German Cinema, Oakland: University of California Press, 2005

RIGAUX-PIRASTRU Brigitte, „Bourreaux et victimes ? La difficile identité collective des Allemands au prisme du cinéma germanophone“ in Amnis 18|2019 Le passé dans le présent. Histoire et mémoires, un enjeu essentiel pour les sociétés contemporaines (Europe – Amérique), publié le 10.10.2019, http://journals.openedition.org/amnis/4440

RIGAUX-PIRASTRU Brigitte, „Langue ou “charabia” ? Les particularités linguistiques des expulsés dans le cinéma germanophone (1950-2017)“, in Gerardo Acerenza, Ali Reguigui, Julie Boissonneault (dir.), Tours et contours de la traduction, Sudbury (ON) : Série Monographique en sciences humaines / Human Sciences Monograph Series 26, 2021, p. 167-191

RIGAUX-PIRASTRU Brigitte, „La narration oublieuse : la fuite sans l’expulsion dans le cinéma germanophone in Intercâmbio n° 16, 2024, La Mémoire fermentée : Entre souvenir et imaginaire, https://doi.org/10.21747/0873-366x/int16a2

SCHILLING Jonathan, „Mehr als Heimatfilm, Ruth Leuwerik, „Die Trapp-Familie“ und der Publikumsgeschmack der Adenauer-Zeit“ in Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1/2023, S. 75- 110

TRIMBORN Jürgen, Der deutsche Heimatfilm der fünfziger Jahre, Köln: Teiresias Verlag, 1998

WILHARM Irmgard (Hrsg.), Geschichte in Bildern, Von der Miniatur bis zum Film als historische Quelle, Pfaffenweiler: Centaurus, 1995

Stellenangebot Postdok “Belgien auf Deutsch und tschechisch gelesen” (UCLouvain, 2 Jahre ab dem 1.10.2024)

Bewerbungen können mit Fristverlängerung bis zum 08.07.2024 per Mail eingereicht werden.
Im Projekt “Belgien auf Deutsch und Tschechisch ‘gelesen’ (1870-1939): multilaterale und nicht-hierarchische Ansätze eines Kulturtransfers” sind zum 1.10.2024 befristet auf zwei Jahre (bis 30.09.2026) 2 Stellen eines Postdoktoranden / einer Postdoktorandin zu besetzen, 1 an der Université Libre de Bruxelles (ULB) und 1 an der Université catholique de Louvain (UCLouvain).
Es handelt sich um 2 postdoktorale Fellowships (Mobility IN), die steuerfrei sind, aber der Sozialversicherungspflicht für Arbeitnehmer in Belgien unterliegen. Die Personen befinden sich dementsprechend in einer “internationalen Mobilitätssituation”, d.h. sie haben in den letzten drei Jahren vor dem Bewilligungszeitraum des Stipendiums nicht länger als 24 Monate in Belgien gewohnt oder ihre Haupttätigkeit (Beschäftigung, Studium usw.) ausgeübt.