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Olivier Baisez, Pierre-Yves Modicom, Bénédicte Terrisse (Hrsg.), Empörung, Revolte, Emotion. Emotionsforschung aus der Perspektive der German Studies, Tübingen, Narr, 2022
277 Seiten
ISBN 978-3-8233-8492-2
Preis: 78€
Tagungsakten der 52. AGES-Konferenz
Dieser Sammelband erörtert die Relevanz der aktuellen Emotionsforschung für die verschiedenen Fachrichtungen der Germanistik. Besonders berücksichtigt wird dabei eine bestimmte Emotion: die Empörung, als individueller und als kollektiver Affekt, als ein Gefühl aber auch als ein Ereignis, das im Phänomen der individuellen und kollektiven Revolte gipfeln kann.
Revolte, Empörung, Emotion. Emotionsforschung aus der Perspektive der German Studies
Einführung
Olivier Baisez, Pierre-Yves Modicom, Bénédicte Terrisse
Urszula Topczewska
Emotionen in expressiven Sprechakten: Das Beispiel des Dankens
Anne-Kathrin Minn, Nathalie Schnitzer
Aufforderung und Emotion im DaF-Unterricht aus pragmatischer und didaktischer Sicht
Daniel Gutzmann, Katharina Turgay
„Das ist doch alles Bullshit, du Troll!“ Eine sprechakttheoretische Betrachtung von Unwahrheit und Emotionalisierung in den sozialen Medien
Roland Lakyim
Einseitigkeit und institutioneller Rahmen (Öffentlichkeit) als einschränkende Faktoren zum Emotionsausdruck in offiziellen Korrespondenzen
Fabian Ehrmanntraut
Warum Superstaus nicht super und Biowaffen nicht bio sind – Empirische Untersuchungen zum Wandel vom gebundenen Morphem zum freien, expressiven Wort
Guillaume Robin
Emotionen in der Techno-Szene: Der Rave-Protest als Mittel, den urbanen Raum zurückzuerobern
Nicolas Batteux
Fehlende oder verdächtige Emotionen? Entemotionalisierungsprozesse bei den SPD-Bundestagsabgeordneten im Laufe der 68er Bewegung (1967-1972)
Henning Fauser
„Camarade déporté, revêts ta tenue de bagnard et parcours le pays!“: Die gestreifte Häftlingskleidung im Zeichen des Protests (1945-1961)
Niall Bond
„Sieg der Frechheit“: der Eingang von Affekten in die Sozialwissenschaften als empörte Abwehr gegen die Hegemonie der instrumentellen Vernunft
Matthias Rein
Zorn im mittelalterlichen deutschsprachigen Sündendiskurs des 14. und 15. Jahrhunderts
Farah El Abed
Enites Emotionen in Hartmanns Roman Erec: Eine semantische Untersuchung
Emmanuelle Terrones
„Aber der Zorn stellt die Welt bloß.“ Zur zeitgenössischen Wut: Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt (2012)
Leslie Brückner
„Weil ich so ganz vorzüglich blitze/ Glaubt ihr, daß ich nicht donnern könnt!“. Empörung und Revolte in Heinrich Heines Zeitgedichten
Sonja Malzner
Trauer, Wut, Empörung, Hass: zu deutschen Afrika-Reisebüchern der Zwischenkriegszeit

Call for papers
Was ist das: »Zeit«? Ich bin Kalenderforscher, nicht Physiker, antwortete der Mönch Andrej Bitow. Es sind die TRENNER zwischen den Zeiten, auf die es ankommt, also Jahreswechsel, Wechsel von Tag und Nacht, Abwechslung (zum Beispiel des Wetters), die Einteilung nach Stunden und Minuten (auch Sekunden, in denen einer sterben kann), nach Generationen und Lebensläufen: Zeit, sich zu fürchten; Zeit, zu lieben.
Sie meinen also, insistierte der Besucher, daß die Zeit keine obrigkeitlichen Eingriffe duldet? Sie ist autonom? Bitow antwortete: Wem gehört sie? Hierauf erwiderte der Biologe Dr. Siegmund Fritsche: Sie gehört den Zellen, allenfalls dem Planeten Erde selbst, nicht einmal dem Individuum. Hier enden, fährt er fort, die garantierten Freiheitsrechte.
Besonders gefährlich ist es, sagte Bitow, den 31. Dezember, den letzten Tag des Jahres also, zu manipulieren. Von Natur aus endet kein Jahr. Es sind 6000 Jahre Vorgeschichte notwendig, um den »Jahreswechsel«, einen Schnitt in der Zeit, zu bewirken. Ohne Religion geht das überhaupt nicht.
Alexander Kluge, Das fünfte Buch. Neue Lebensläufe, 402 Geschichten, S. 260. Berlin, Suhrkamp Verlag, 2012.
Geburtstage / Jahrestage / Jubiläen
Cahiers d’Études Germaniques n° 83
HerausgeberInnen: Hélène Barrière (CRIT, Université de Franche-Comté), Susanne Böhmisch (ÉCHANGES, Aix-Marseille Université), Hilda Inderwildi (CREG, Université Toulouse Jean Jaurès), Nathalie Schnitzer (ÉCHANGES, Aix-Marseille Université), Katja Wimmer (CREG, Université Paul Valéry Montpellier 3), Ralf Zschachlitz (LCE, Université Lumière Lyon 2)
Die 1972 gegründete germanistische Zeitschrift Cahiers d’Études Germaniques feiert im Jahr 2022 ihr fünfzigjähriges Bestehen. Zu diesem Anlass soll eine Sondernummer unter dem Titel „Geburtstage / Jahrestage / Jubiläen“ herauskommen. Sie ist als thematische Variante einer Festschrift gedacht, will aber nicht der Versuchung einer ausschließlich den CEG und ihrer Geschichte gewidmeten hagiographischen Nummer erliegen.
Als temporale „Trenner“ und chronologische Orientierungspunkte strukturieren Geburtstage / Jahrestage / Jubiläen den Rhythmus des privaten und kollektiven Lebens, bieten die Gelegenheit, Familie oder Gemeinschaft zu „zelebrieren“ und sind Teil des sozialen Lebens, von dem Anthropologen und Soziologen sagen, dass es das Konzept der Zeit begründe. Gemeinhin mit Fest und Geselligkeit, mit positiven Emotionen und Ereignissen verbunden1 , können Geburtstage auch schmerzliche Anlässe der Abwesenheit oder des Verlusts in Erinnerung rufen. Psychologen sprechen von einer Zeit des Egos und beobachten, dass sie über den Narzissmus und birthday blues hinaus zu reflexiven Momenten, zu einer Rückbesinnung auf sich selbst, auf eigene Hoffnungen, Leistungen und Rückschläge führen. Sie sind somit immer Ausdruck einer zugleich regressiven und progressiven Bewegung.
Geburtstage sind eng verbunden mit dem Erinnerungszyklus, mit einem bewussten oder auch unbewussten genealogischen und zugleich chronologischen Impetus. Als solche konzipiert, decken sie die Zeitspanne ab, die wir als Lebenszeit bezeichnen, also ungefähr 90 Jahre, drei Generationen. Geburtstage / Jahrestage / Jubiläen sind aber auch Mittel einzigartiger Anstöße durch das, „was an Vergangenem uns in der Zukunft wiederbegegnet und worin wir glücklich eingebettet sind: in die Äonen, das Urvertrauen.“ 2 Als regelrechte Fantasiemaschinen tragen sie den Keim potenzieller Erzählungen aber auch kritischer Gegenerzählungen in sich, womit sie eine soziale und politische Funktion erlangen. Aus dieser Perspektive zieht der Historiker Jean-Claude Schmitt das Beispiel der neuen Anzüge heran, die sich Matthäus Schwarz im 16. Jahrhundert dreizehnmal zu seinem Geburtstag schneidern ließ3 , um mit einer individuellen Geschichte eine Manier des Frühkapitalismus zu verdeutlichen: sich darstellen zu wollen und der Nachwelt das Inventar seines „materiellen und symbolischen Kapitals“ zu hinterlassen.
Geburtstage, insbesondere die der Geburt eines gewöhnlichen Individuums, sind eine neue Entdeckung des 17. Jahrhunderts in den protestantischen Territorien und des 20. Jahrhunderts in den katholischen Gebieten, wo man ihnen, weil sie als Zeichen des Hochmuts betrachtet wurden, lange den Namenstag vorzog. Wenn Geburtstage (im Sinne von birthday im Englischen und anniversaire im Französischen) heute für Kinder die erste Form der Teilhabe an geselligem Leben und eine Anerkennung des Individuums darstellen, sind sie jedoch lange von anderen Typen von Jahrestagen und Gedenktagen, die Persönlichkeiten und Ereignisse religiöser und öffentlicher Art feierten, in den Hintergrund gedrängt worden.
Die Geburtstagsrituale, Wünsche und Gratulationen erlauben es, Geburtstage aus linguistischer und pragmatischer Perspektive zu betrachten. Einer Person zum Jahrestag seiner Geburt zu gratulieren oder ein Ereignis zu feiern, ist in der Tat ein Sprechakt, dessen Gelingen eng mit der konkreten Kommunikationssituation verbunden ist. Seit den grundlegenden Arbeiten von Austin4 und Searle5 hat die Sprechakttheorie großen Anklang gefunden und zahlreiche Erweiterungen erfahren, aber der besondere Fall des Glückwunsches scheint bei den Forschern bisher auf keine große Aufmerksamkeit gestoßen zu sein, obwohl er doch ein sehr weit verbreiteter Sprechakt ist und „kommunikative Funktionen enthält, die es verdienen, analysiert zu werden“6 . Der Glückwunsch kann linguistisch als ein „Sprechakt definiert werden, der den 1 Gary Nickell, Katie Pederson, Cassie Rossow, “The Birthdate effect: An Extension of the Mere Ownership Effect”, Psychological Reports, 92/1, 2003, S. 161-163. 2 Bildlegende zum Minotauros im Vorwort der französischen Fassung von Chronik der Gefühle, Buch II, in Alexander Kluge, Chronique des sentiments, livre II (Inquiétance du temps), Vincent Pauval (dir.), Paris, P.O.L., 2018, S. 17. 3 Jean-Claude Schmitt, „L’invention de l’anniversaire“, in Annales. Histoires, Sciences Sociales, 2007/4, S. 793-835. 4 John Langshaw Austin, How to do Things with Words, New York, Oxford University Press, 1962. 5 John R. Searle, Speech Acts: an essay in the philosophy of language, London, Cambridge University Press, 1969. 6 Stavroula Katsiki, Les actes de langage dans une perspective interculturelle : l’exemple du vœu en français et en grec, Diss., Lyon 2, 2001, S. 85. Wunsch des Sprechers zum Ausdruck bringt, dass eine positive Sachlage für den Adressaten eintreten solle“7 .
Die „verbale Freundlichkeit“, der Ausdruck positiver Emotionen, konfliktfreier Kommunikation, stellt in einer Zeit, in der man eher dazu geneigt ist, die Analyse feindseliger sprachlicher Umgangsformen zu privilegieren, einen originellen Ansatz dar. Indem man im Rahmen des Nachdenkens über Geburtstage / Jubiläen / Jahrestage den Akzent mehr auf die positive Dimension expressiver Sprechhandlungen setzt, könnte man sich auf die Beschreibung von Diskursen konzentrieren, die Freude bereiten, den Gesprächspartner das Gesicht wahren lassen, ihn aufwerten wollen, sei es durch den Ausdruck von Glückwünschen oder jeder anderen Form von höflichen oder wohlwollenden Diskursen, ohne jedoch dabei zu vergessen, dass eine lobenswerte Absicht nicht immer von Erfolg gekrönt sein muss.
Im Wechsel zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen den privaten und öffentlichen Sphären, ermöglicht die Thematik für die Nummer 83 der Cahiers d’Études Germaniques sehr unterschiedliche und interdisziplinäre Herangehensweisen aus dem Bereich der Linguistik, der Kulturwissenschaften, der Literaturwissenschaft, der Geschichtswissenschaften, der Anthropologie, der Soziologie, der Philosophie und der Künste. Man wird biografische und prosopographische Untersuchungen, Mikro- und Makrokosmos kreuzen können. Die Beiträge untergliedern sich in folgende Bereiche:
Geburtstage / Jahrestage / Jubiläen und -Rituale, Geburtstagsrituale, Inszenierungen -Genealogie und Chronik; Erinnerungszyklen -Autobiografie, individuelles und kollektives Gedächtnis -Mythos, gerichtete und zyklische Zeit – „Anniversaire“ vs „Geburtstag“ -Paradoxa, „Geburtstagssyndrome“, Familiengemeinschaft vs Familiengeheimnisse -Gespenster, fantastische Geburtstage -Birthday Blues, Birthday Stress – Zahlen und Zählen -Gender -Kulturelles und politisches Leben -Konsumgesellschaft, numerische Revolution -Feste, Geschenke, Gegengeschenke, -Biologisches Alter, sozioprofessionnelle und „intime Kalender“ -Geburtstage, Todestage, vergessene Geburtstage -Individuelles und öffentliches Dasein -Geburtstage, ego und Zeit der Emotionen -Freude und Jubel -Kulturelle Unterschiede bei den Feiern -„verbale Freundlichkeit“ – Monstruöse Idyllen -Performative Akte und Glückwünsche -Political correctness -Expressive Sprechakte
Forschungsbereiche: deutschsprachiger und deutsch-französischsprachiger Raum.
Unsere Nummer versucht sich von Texten abzusetzen, die ausschließlich den Gedenkaspekt behandeln. Die Cahiers d’Études Germaniques oder andere Zeitschriften, die in direktem Bezug zur Thematik stehen, können ebenfalls Gegenstand eines Artikels sein. Man wird sich dort bevorzugt mit dem Platz und der Geschichte dieser Periodika im Bereich der Germanistik und ihren zukünftigen Herausforderungen beschäftigen.
Vorschläge für Artikel können bis zum 23. August 2021 eingereicht werden. Angenommene Artikel müssen bis zum 21. Dezember 2021 vorliegen. Wir danken für die Einhaltung dieser sehr knappen Fristen. Kontakt: Susanne Böhmisch, susanne.bohmisch@univ-amu.fr Hilda Inderwildi, hilda.inderwildi@univ-tlse2.fr
CFP_Anniversaires_CEG 83_allemand