CfP: Helga Schütz – Tagung im Literaturforum im Brechthaus, 18.-19. April 2024

Conference Series: Teaching Cultural and Historical Awareness

Helga Schütz – ein halbes Jahrhundert in Literatur, Film, Fernsehen und Radio

Internationale Tagung im Literaturforum im Brecht-Haus, Berlin, 18. und 19. April 2024

In der europäischen Bildungspolitik gelten das kulturelle wie das historische Bewusstsein als Schlüsselkompetenzen, an denen sich heute Bildungsinhalte ausrichten. Beide Kompetenzen gehen von der Annahme aus, dass unsere Identifikation mit und Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen durch die Reflexion über diese Prozesse in Gegenwart und Vergangenheit beeinflusst werden. Der Annahme liegt ein konstruktivistischer Ansatz von Kultur und Sprache zugrunde, der jenseits essentialistischer Auffassungen die offene und dynamische Beziehung im kulturellen Austausch betont. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die Tagung mit dem Werk einer Autorin, die die deutsche Kultur im Austausch zwischen Ost und West seit über einem halben Jahrhundert mitprägt. Der exemplarische Fokus ist darauf gerichtet, ihr Werk stärker an aktuelle gesellschaftliche und wissenschaftliche Diskussionen anzubinden und damit einer neuen Generation von Leser:innen und Wissenschaftler:nnen zu öffnen:

Als Schriftstellerin ist Helga Schütz (geb. 1937) seit mehr als 50 Jahren auf dem deutschen Buchmarkt vertreten. Sie debütierte 1971 im Aufbau-Verlag mit Vorgeschichten oder Schöne Gegend Probstein, einem Buch, das, so Ursula Krechel damals in der Frankfurter Rundschau, zum „ost-westlichen Überraschungserfolg“ wurde. Aufsehen erregte der leichte, vom filmischen Erzählen geprägte Ton, mit dem die Autorin sich einem Thema näherte, das in der DDR ein politisches Tabu war, in der Literatur aber immer wieder, verstärkt dann in den 1970er Jahren thematisiert wurde und das heute und unter anderen, globaleren Gegebenheiten wieder aktueller denn je ist: Flucht und Vertreibung bzw. die unfreiwillige Migration und ihre Folgen für die Betroffenen, ihre gesellschaftliche Integration sowie ihre kollektive Identität. Helga Schütz gehört zu den 4.5 Millionen Schlesier:innen, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Heimat suchten. Welche Stationen folgten, darüber berichtet sie in ihrem Werk. Es ist, und darin zeigt sich eine Ähnlichkeit zur Poetik Annie Ernaux‘, von Beginn an autofiktiv geprägt. Schütz gehört damit zu den Pionieren dieser Art zu schreiben: die eigene Biographie liefert das literarische Material. Das Schreiben begleitet die soziale Entwicklung dieser Generation von Schriftsteller:innen. In der Darstellung des Alltäglichen werden die großen gesellschaftlichen Themen auf die individuelle Wahrnehmung heruntergebrochen und so in der Reibung von ‚großer‘ und ‚kleiner‘ Geschichte reflektiert. Dieser Anspruch zielt letztlich darauf, so Schütz: „Menschen feinfühliger zu machen für gesellschaftliche Ereignisse“.

Diesen Anspruch vertritt Helga Schütz aber nicht nur als Schriftstellerin. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass sie als Szenaristin und Dramaturgin in den letzten 70 Jahren durch ihre Arbeit an mindestens 30 Filmen ihren eigenen Stempel auf die deutsche Film- und Fernsehgeschichte gedrückt hat. Maßgeblich war zu Beginn die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Egon Günther, u.a. in Filmen wie Wenn Du groß bist, lieber Adam (1965), der dem Kahlschlag-Plenum zum Opfer fiel, Lots Weib (1965) oder Die Schlüssel (1974). Später kommen historische Stoffe, andere Regisseure hinzu, Addio, piccola mia (1979, Regie: Lothar Warneke) etwa oder Fallada – letztes Kapitel (1988, Regie: Roland Gräf) oder, dann wieder mit Egon Günther Stein (1991), ein Film, der am individuellen Schicksal die Ereignisse des Prager Frühlings 1968 aufgreift. Spannend auch die gescheiterten Filmprojekte, etwa „Nach Kasalinsk“, 1992 mit Roland Gräf begonnen, das die Gulag-Erfahrungen des kommunistischen Schauspielers und Regisseurs Helmut Damerius (1905-1985) aufgreift. Damerius, der 1931 in die Sowjetunion emigrierte und dort gezwungenermaßen lange in Kasachstan lebte, berichtete darüber in Unter falscher Anschuldigung (1990). In ihrem Reisetagebuch Heimat süße Heimat. Zeitrechnungen in Kasachstan (1992) dokumentiert Schütz dazu noch eine ganz andere Geschichte: die Austrocknung und Versalzung des Aralsees, die eine der größten, von Menschen verursachten Umweltkatastrophen darstellt.

Trotz dieser thematisch, medial und formal breit gestreuten künstlerischen Tätigkeit lässt sich nicht verleugnen, dass die wenigsten Helga Schütz und ihr Werk kennen. Wer sucht, findet verstreut Beiträge über ihr Werk. Es fehlen jedoch Fachpublikationen, die das Werk der heutigen Leserschaft erschließen, die bei der Rezeption vermitteln und die es an aktuelle Forschungsvorhaben anschließen. Eine Neubewertung des Werks ist überfällig.

Der spezifische Fokus der Tagung leitet sich aus dem konstruktivistischen Verständnis von Kultur ab, der der Dynamik gesellschaftlicher Prozesse Rechnung trägt. In der exemplarischen Auseinandersetzung mit dem Werk von Helga Schütz steht die Reflexion über diese Prozesse im Vordergrund. Damit sind zwei Zielsetzungen verbunden: Zum einen zielt die Auseinandersetzung auf Fragen der Vermittlung von kulturellem und historischem Bewusstsein. Zum anderen will die Tagung eine Neubewertung des Werks von Helga Schütz anregen.

Mögliche Themen (immer mit Bezug auf das Werk von Helga Schütz):

  • Erinnerungskulturen und Gedächtnisdiskurse (mnemonische Solidarität und die affektive Aneignung von Geschichte);
  • Aufbruch und gesellschaftlicher Wandel im Kontext der DDR-Geschichte;
  • Alltagspoetik;
  • Autofiktives Schreiben;
  • Thematische Zugänge, die anhand einzelner Film- und/oder Buchinterpretationen Anschluss an aktuelle gesellschaftliche und wissenschaftliche Diskurse bieten (u.a. DDR-Forschung, Flucht- und Migration, Herkunft, Autofiktion, Alltag, Glauben, Reisen, Natur, Garten, Pflanzen);
  • Genderdiskurse und (spezifischer) Frauenemanzipation („Frauen waren die interessanteren Figuren, weil sie mehr zweifeln durften“, Ulrich Plenzdorf, ehemaliger Kommilitone an der Filmhochschule Potsdam);
  • Hörspiele & Arbeiten für den Rundfunk: das Radio als Experimentierfeld in den 1970er Jahren (Le Rossignol heißt Nachtigall, Jette im Schloss, Es ist wunderbar, daß niemand an Böhmen denkt (= Luther);
  • Dokumentationen und Reportagen (Städte-Porträts, Reflexionen über Gärten, Pflanzen und Natur)
  • ebenfalls denkbar: Rezeption im internationalen Kontext.

Vortragsvorschläge in Form von Abstracts (max. 300 Wörtern) sowie eine kurze biographische Notiz (inkl. E-Mail-Adresse, Anschrift und Institution) mit Angabe von Forschungsschwerpunkten und Bezug zu den genannten Themen senden Sie bitte bis spätestens zum 7. Oktober 2023 an:
y.delhey@let.ru.nl, carola.hahnel-mesnard@univ-lille.fr, k.stutterheim@napier.ac.uk

Bitte geben Sie ebenfalls Literatur, theoretische Positionen und ggf. Primärquellen an, auf die sich der Vortrag (max. 30 Minuten) stützt.

Für Rückfragen stehen wir zur Verfügung. NachwuchswissenschaftlerInnen werden nachdrücklich aufgefordert, sich zu bewerben. Wir bemühen uns um eine Finanzierung bzw. Erstattung der Kosten für Reise und Unterkunft.

Konzept und Organisation: Dr. Yvonne Delhey (Radboud Universiteit Nijmegen), Dr. habil. Carola Hähnel-Mesnard (Université de Lille), Prof. Dr. Ursula von Keitz (Filmuniversität Potsdam), Prof. Dr. Kerstin Stutterheim (Edinburgh Napier University), Dr. Christian Hippe (Literaturforum im Brecht-Haus, Berlin)